Szene mit Christian Bindert, Stephan Luethy, Arne David, Joshua Hien, Max Menendez Vazquez, Florian Weigel, Julian Bender, Konstantin Krisch, Dennis Weissert, Uli Scherbel und Katja Berg

Szene mit Christian Bindert, Stephan Luethy, Arne David, Joshua Hien, Max Menendez Vazquez, Florian Weigel, Julian Bender, Konstantin Krisch, Dennis Weissert, Uli Scherbel und Katja Berg

© Foto: Jan-Pieter Fuhr
Musiktheaterkritik

Gleichstand Mann:Frau

von Roland H. Dippel

Paul Abraham: Roxy und ihr Wunderteam

Premiere: 09.12.2017
Theater Augsburg
Homepage: https://theater-augsburg.de

Regie: Martin G. Berger
Musikalische Leitung: Lancelot Fuhry

Queere Konstellationen sind hierzulande in der Oper ausdrücklich erwünscht und vor wenigen Tagen beteuerte Thomas Hitzlsperger wieder einmal, dass sein Coming-Out ihm Flügel verleiht. Aber erst jetzt fällt bei dieser „DFB-Sportgala“ das aller-aller-allerletzte Tabu: Das Liebeslied zwischen dem endlos heulenden Bobby Cheswick und dem wegen seiner Neigungen erpressbaren Nationalspieler Christiano Hatschek muss kein Walzer sein. Schauplatz: Im Herz der Mannschaftsräume, unter der Dusche, nackt! Roxy rettet die rührend knisternde Situation. Neunzig Minuten früher sagte sie noch vor der Kamera „Nein!“ zu den permanenten Potenzstörungen und dem Heiratsantrag Bobbys. Sie findet Glück und Spaß beim gleichfalls bolzenden Philipp Gjurka, einem Spitzensportler auf dem Rasen und im Bett. Roxy verhilft auch, unerkannt als elfter Mann, Deutschland zum Sieg gegen Spanien. Es gibt zwar eine Geldstrafe, weil sie als Spielerin nicht ordnungsgemäß angemeldet wurde, aber ihr Tor gilt. In Ungarn, wo sonst!

Der Schauplatz ist in Augsburg einer von nur wenigen nicht umgedeuteten Handlungsmomenten aus Paul Abrahams musikalischem Fußballschwank „Roxy und ihr Wunderteam“ für Budapest (1936) und Wien (1937). Dieses durch Komposition und Entstehung begründete Kolorit wird zur Reminiszenz und zum Tribut an eine neue Konvention. Travestie ist heute Standard, versteht sich: Die deutschen „Nationalelfen“ machen in der Einlage als Ungarmädels „bellissima figura“ wie neulich die Herren Grisetten vom Gärtnerplatz in Josef Köpplingers „Lustiger Witwe“. Der „echte Schwule“ dagegen: Freundlich, im Zwang zur Unauffälligkeit blässlich. Erstaunlicherweise fällt Uli Scherbel als Christiano Hatschek, der am meisten unter massivem Druck leidet, im Kreis der Hauptdarsteller geringfügig ab. In der jungen Balance durch „Ehe für alle“ kündigt sich hier möglicherweise ein Wandel der Interessengewichtungen an.

Camp, Mediensatire, Korruptionsschmonzette? Das ist hier nicht mehr die Frage. Die Foyers des martini-Parks passen viel besser als das wegen Umbau geschlossene Augsburger Stadttheater für diese Erlebnis-Area der DFB-Sportgala und ihrer Hymnen auf Fairness, Solidarität, Toleranz. Das Ambiente atmet lässige Sportlichkeit und einige verstehen das als Teufelsaustreibung von Operettenmief. Recht haben sie.

Erstens gibt es hier den Schmus von Diva und Held nur am Rande. Zweitens (Volker Klotz würde sich angewidert abwenden) gibt es nicht einmal mehr zwei Soubretten-Damen, sondern gleich elf kräftige Soubretten-Kerle: Der Abend zeigt Krise und Sieg des mit Sexverbot sanktionierten „Wunderteams“ als ganz normalen Wahnsinn. Frontal mit allen, backstage gegen alle Klischees! Wir erleben eine Fußballwelt, wie sich viele eine solche wünschen, das aber nicht zu sagen wagen. Gefallen hat das nicht nur den vielen U18-Gästen und zahlreich angereisten Promotern der neuen „Operetten-Anarchie“. In dieser Premiere ist die frisch-zackige „Hipness“ des Genres mit Geist und (beim Fußball nicht überall erwünschten) Sinnen greifbar. Neuer Esprit und verjüngtes Operettenglück.

Das liegt vor allem an Martin G. Berger, der wie vor kurzem bei seinem sagenhaften Weimarer „Candide“ die Situationen mit ernstem Witz in alle Bausteine zerlegt und neu zusammensetzt. Er gibt dem Stück mit Sarah-Katharina Karl (Bühne), Silke Bornkamp (Kostüme) und den listig das machoide Gruppenkuscheln entlarvenden Roman Rehor (Video) eine Spielarchitektur von meisterhaften Proportionen. Marie-Christin Zeisset muss in ihren Choreografien außer der Pikanterie zweier erigierter Salamis nichts ironisieren, weil das passgenaue Spieltempo alles in seinem Strudel mitreißt. Denn Martin G. Berger beharrt nicht stur auf geradliniger Vorführung seiner Ideen um den vom FCA zur Nationalmannschaft entsandten Philipp Gjurka, der aussteigt und seine eigene Show mit Tatsachen hinter den schönen Worten macht. Die Perspektiven springen zwischen Pseudo-Dokumentation, fabelhafter Fiktion und Wunschdenken. Sinnstiftende Intelligenz wird weder zur Belastung noch zur Bremse. In den schönsten Momenten vergisst man das Mitdenken und schwebt mit.

So hoch, dass die wirklich starke Roxy von Katja Berg und ihre Superfrau-Freundin Aranka (Eva Kuperion), eine taffe Hyäne der Sportreportage und der investigativen Enthüllungslust, manchmal ins Hintertreffen geraten. Der Schacher mit Spitzenpositionen bringt Kontraste ins operettige Fußballleben, zackig bis ölig mit Besetzungsglanzpunkten aus dem Chor: Gerhard Werlitz als spanischer DFB-Trainer und Markus Hauser als schottischer Verbandsvorsitzender. Man könnte Stunden darüber räsonieren, ob sich 1860-Legende Jimmy Hartwig nur deshalb so gut in den Cast einschmiegt, weil er als Entertainer ein Naturtalent ist.

Oder hat sich das Ensemble die Fußballszene wirklich bis zur authentischen Entäußerung erobert? Kicken und Steppen fließen ineinander. Die süße Damenphantasie von elf netten JunX mit Trikots im goldigen Riesenbett ist ja längst gesellschaftsfähig. Das übernimmt die Inszenierung mit Pep und Delikatesse. Martin G. Berger bebildert Darkroom-Phantasien weitaus gekonnter als zum Beispiel Olivier Py im Berliner „Le Prophète“. Der Operetten-Aufsteiger des Jahres zeigt sich wohlinformiert in allen wichtigen Genres: Internatsgeschichten, schwule Liebesromane für romantische Leserinnen, coming-of-age-Kino – alles fließt ein. Trotzdem wahrt Martin G. Berger die alte Operettenregel: Für „Mann:Mann“, „Frau:Mann“ und „Frau:11Freunde“ bleibt das Kokettieren mit dem Geschlechtsverkehr trocken, wird nie feucht oder schmierig. Klebrig sind bei ihm nur die Korrupten.

Dabei hat er einen erstklassigen Teamplayer: Für die Granate Philipp Gjurka unternimmt Thaisen Rusch den Fachwechsel vom Operntenor zum Fußballkönig, als „Gürkchen“ öffnet er den Blick hinter die Kulissen der DFB-Sportgala. Ausgerechnet dieser hundertprozentige Hetero-Herzbube singt die Einlage „Reich mir zum Abschied noch einmal die Hände“ im Duett mit dem wenig später seine schwule Identität entdeckenden Bobby – in stimmlich und szenisch herrlich komplementärer Besetzung durch Wiard Witholt: Das ist der Gipfel von Martin G. Bergers schelmischem Wimpernklimpern gegen „Mister Bolzplatz“ und „Fräulein Operette“.

Wahrscheinlich geht so etwas nur mit den Stücken von Paul Abraham, der mit rassigen und jazzgewürzten Songs das dramatische Nichts der Storys überstäubte. Die bühnenpraktische Rekonstruktion der Musik durch Henning Hagedorn und Matthias Grimminger ermöglicht den tagesaktuellen Aufputz der heute harmlos wirkenden Effekte. Die musikalische Seite (das Orchester sitzt weit hinter der Spielfläche) kommt wie im echten Stadion etwas matt daher. Noch hat man den neuen Spielraum akustisch nicht erschlossen. Deshalb bleibt unklar, ob die von Lancelot Fuhry und den Augsburger Philharmonikern gesetzten Akzente nicht mit der nötigen Power im Auditorium ankamen oder ob die Musik dem Herrschaftsdiktat der Szene nicht gewachsen war. Der Opernchor dazu: ein Haufen nichtsahnender Fans. Vollkommen legitim, weil Martin G. Berger mit der großartigen Katja Berg und dem ihr ebenbürtigen Thaisen Rusch die Fußballwelt umkrempelt. In diesem hochemotionalen Europacup gibt es kein Elfmeter-Schießen „Heteronormativität“ contra „Queerness“, sondern nur Gleichstand: „Sieg!“.