Musiktheaterkritik

Die Kehrseite der Töne Oder Big Lebowski trifft Klementine

von Juliane Sattler

Luciano Berio: Un re in ascolto (Ein König horcht)

Premiere: 23.05.2015
Staatstheater Kassel
Homepage: http://www.staatstheater-kassel.de

Regie: Paul Esterhazy
Musikalische Leitung: Alexander Hannemann

„Ich habe schon vor langer Zeit begonnen, der Oper Lebewohl zu sagen“, soll Luciano Berio zu seiner 1984 bei den Salzburger Festspielen uraufgeführten musikalischen Handlung „Un re in ascolto“ gesagt haben: „Aber es ist ein langes Lebewohl“. Und dieser König dort auf der Bühne, Prospero ist sein Name, durchleidet auch einen langen Abschied. Gesucht hat er ein Leben lang nach der Utopie, der einen vom besseren Theater. Gelauscht hat er und gehorcht. Als am Kasseler Opernhaus der Vorhang fällt, ist Prospero, der König, der Herrscher, der Theaterdirektor, tot. Das Spiel der Möglichkeiten ist beendet.

Ein mutiges Unterfangen ist das schon vom Kasseler Staatstheater, dem ausgeprägt traditionellen Opernpublikum zum Ende der Spielzeit das jetzt „ausgegrabene“ Berio-Stück zu zeigen. Ein Endspiel in zeitgenössischer Musik, entstanden in Montagetechnik und sich jeder linearen Erzähltechnik verweigernd: Musik wird hier zum Theater und Theater zur Musik. Das Libretto entstammt aus der Feder des italienischen Autors Italo Calvino, basierend auf Roland Barthes’ Essay „L´Ecoute“ über das Hören. Dazu sind aber auch Passagen aus Shakespeares „The tempest“ enthalten und deren Kommentar-Texte von Wystan Hugh Auden. „Ein König horcht“ hat so einen stark reflektierenden Hintergrund, die Aufführung in italienischer Sprache wird mit deutschen Übertiteln versehen. Also Lesen, immer nur Lesen? Oder doch Schauen?

Auf der Bühne das theatrale Chaos: Sopranistinnen trainieren ihre Stimme, Ballett-Elevinnen schweben durch die Luft. Der Regisseur (Markus Francke) probt mit einem Schauspieler (Gunnar Seidel), und ein Soldat spielt Akkordeon. Irgendwo zwischen Realität und Magie, Zirkustreiben und poetischen Fellini-Bildern siedelt Regisseur Paul Esterhazy die „Vorgänge“ (sie werden so im Programmheft genannt) an. Dass er zudem den Figuren aus Shakespeares „Sturm“ optisch eine zweite Identität aus den achtziger Jahren verleiht (Bühne und Kostüme: Mathis Neidhardt) und damit stellenweise eine Abrechnung mit den 68ern schafft, bricht die Bilder auf, schafft neue Spannungen. Der König – ein Ex-Hippie mit Sonnenbrille und Joint in der Hand – sieht dann aus wie der „Dude“ Lebowski und Mime, die Gehörlosen-Darstellerin mit Gebärdensprache  (Christina Schönfeld), kommt als Tante Klementine aus der Ariel-Waschmittelwerbung daher.

Der Theaterdirektor probt den „Sturm“. Und er sucht und horcht nach dem anderen Theater. Eines, das klingt und die hinter den Tönen liegende Erfahrung deutlich macht, eines, in dem sich Erinnerung und Ahnung, Hören und Gesang durchdringen. Vier Arien gibt es für Prospero, in dessen Figur der Bariton Marc-Olivier Oetterli sehr fein die existenzielle Tiefe auslotet, die Angst des Künstlers vor dem Verlöschen. Das Kasseler Staatsorchester legt zum Teil die gleichen Tonketten um den Gesang, die Musikpassagen verschieben sich nur minimal.. Berios Musik ist wie eine Welle, die immer wieder ans Ufer spült, mal sanft und zart, um sich dann später zum harschen Aufschäumen aufzubauen. Das ganze Meer der Töne auch in dem Gesang des Chores, der zuweilen wie eine Erscheinung aus der Bühnen-Tiefe auftaucht. Man braucht Zeit für diese Musik. Hören, Ein-Hören ist gefragt, wenn sich der 1. Koordinierte Kapellmeister Alexander Hannemann dem Werk Berios und seiner Musik, mal einschmeichelnd, mal hochgradig konstruiert, mit dem notwendigen Maß an Impulsivität und Diskretion widmet.  

Alles in allem eine reife Leistung für das Kasseler Staatsorchester und dessen Sängerensemble, von dem hier noch der wendige Gunnar Seidel und die hochdramatisch agierende Sopranistin Anna Nesyba als Überlebende zu nennen sind. Zum Schluss Applaus zwischen Beifall und Buh im nicht ausverkauften Opernhaus für einen Theaterabend, der Klangerlebnis und Herausforderung zugleich war..