Nadja Stefanoff und der Opernchor

Nadja Stefanoff und der Opernchor

© Foto: Martina Pipprich
Musiktheaterkritik

Hölle, wo ist dein Sieg?

von Konstanze Führlbeck

Rued Langgaard: Antikrist

Premiere: 03.06.2018
Staatstheater Mainz
Homepage: http://www.staatstheater-mainz.com

Regie: Anselm Dalferth
Musikalische Leitung: Hermann Bäumer

Ein apokalyptisches Mysterienspiel, das die aufkommende Moderne mit ihren verwirrenden Veränderungen durch die Rückbesinnung auf religiös-spirituelle Werte in Frage stellt, ist die Oper „Antikrist“ des dänischen Komponisten Rued Langgaard (1893-1952). Das Staatstheater Mainz zeigt das Werk als deutsche Erstaufführung in einer Produktion von Regisseur Anselm Dalferth und Bühnenbildner Ralph Zeger; die musikalische Leitung übernimmt Hermann Bäumer. 

Am Portal treffen sich zunächst die beiden Kontrahenten, die die Welt auf die Probe stellen wollen: Luzifer (Peter Felix Bauer) und Gott (Ivica Novakovic). Sie beschließen ein Experiment: Luzifer ruft den Antichrist in die – scheinbar? – vom Glauben abgefallene Welt, die nur noch ihre selbstsüchtigen Ziele verfolgt – „das Tier aus dem Abgrund“, das eschatologische Bilder der Bibel beschwören. In verschiedener Gestalt soll er die Menschen, die hinter einer durchsichtigen Gazewand an Tischen schemenhaft sichtbar werden, in Versuchung führen. Und selbst hier ist nicht völlig klar, wer wer ist, denn Weiß und Schwarz, Gut und Böse mischen sich in der Mainzer Inszenierung bereits in den Gestalten Gottes und Luzifers. 

Die Gazewand verschwindet, das Experiment beginnt. Eine strikte Trennung zwischen Regie und Bühne ist in dieser Inszenierung unmöglich, sie greifen in einer raum-szenischen Einheit kongenial ineinander. Bewegliche mehrstöckige Podeste definieren die wechselnden Orte und strukturieren wandelbare abstrakte Räume, die Drehbühne markiert das Verstreichen der Zeit als Symbol der Vergänglichkeit – hier gibt es keinen Stillstand, kein Verweilen. 

Und hier spielt sich das Menschheitsdrama als verdichtetes Allegorienspiel ab, das sich jedoch im Gegensatz zu seinen mittelalterlichen Vorbildern immer eindeutigen Aussagen verweigert. Vieles hier ist verwirrend, der Schein trügerisch. Klare Orientierungen gibt es nicht, Symbole bleiben ebenso rätselhaft wie sprachliche Formulierungen vom „Kirchen-öden-Lärmen“, die auch musikalisch als Leitmotiv das Werk durchzieht und an die symbolistische Dichtung Stefan Georges erinnert. 

In das „Gesamtkunstwerk“ dieser Inszenierung fügen sich auch die Kostüme von Mareile Krettek ein, die die Gestalten der Allegorien sinnbildhaft charakterisieren: Kaum voneinander zu unterscheiden sind die hautfarbenen Trikots der Rätselstimmung (Alexandra Samuilidou) und des Echos der Rätselstimmung (Saem You); der Mund, der große Worte spricht (Nadja Stefanoff) ist ein Anzugträger, der statt eines Kopfes einen lampenschirmartigen Ballon mit großem Mund, aber ohne identifizierbare Gesichtszüge hat – ein anonymer Prophet und Versucher, der sich nie festlegt. Der Missmut (Geneviève King) hängt in Seilen fest, die große Hure (Vida Mikneviciute) ist eine übergroße Frau, deren breites Becken wie bei einer überdimensionierten Erdmuttergöttin von einem aufgebauschten Rock betont wird, der sowohl an rote Blütenblätter als auch an Flicken erinnert. Daraus schält sich dann das Tier in Scharlach (Lars-Oliver Röhl) im Partnerlook heraus, die Lüge (Alexander Spermann) und der Hass (Michael Mrozek) vervollständigen ein darstellerisch wie musikalisch überzeugendes Ensemble. 

Überhaupt die Musik: Obwohl das Werk in den Jahren 1926-1930 geschrieben ist, finden sich hier keine Spuren von Neoklassizismus oder Neuer Sachlichkeit. Die Musik strömt in der mitreißenden Interpretation des Philharmonischen Staatsorchesters Mainz vielmehr in ununterbrochenem Fluss dahin, hochromantische Erlösungsklänge, die auf Richard Wagners „Parsifal“ verweisen, finden sich hier ebenso wieder wie Anklänge an die Tonsprache von Richard Strauss‘ „Salome“ oder die frühen Werke Arnold Schönbergs und Franz Schrekers, doch nicht als Stilzitate, sondern in einer originellen Handschrift, in der sich expressive, harmonisch oszillierende Lautmalerei und formale Struktur bedingen und durchdringen. Als orchestraler Protagonist initiiert und kommentiert die Musik das Geschehen, in ihrem Klangkörper spiegelt sich alles wider, sie ist das Leben, das Gott am Ende durch sein erneutes Opfer am Kreuz erlöst und erneuert.