Kirchentagsbewegte Glaubensfreude: Das Solistenensemble der Regensburger h-Moll-Messe mit Martin Platz (kniend) und dahinter Vera Semieniuk, Sara-Maria Saalmann, Jongmin Yoon, Anne Preuß und Vera Egorova-Schönhöfer.

Kirchentagsbewegte Glaubensfreude: Das Solistenensemble der Regensburger h-Moll-Messe mit Martin Platz (kniend) und dahinter Vera Semieniuk, Sara-Maria Saalmann, Jongmin Yoon, Anne Preuß und Vera Egorova-Schönhöfer.

© Foto: Jochen Quast
Musiktheaterkritik

Ein Bühnenhimmel voller Fragezeichen

von Detlef Brandenburg

Johann Sebastian Bach: Messe in h-Moll BWV 232

Premiere: 09.12.2017
Theater Regensburg
Homepage: https://www.theater-regensburg.de

Regie: Jochen Biganzoli
Musikalische Leitung: Alistair Lilley

Das ist schon ein Wagnis, und kein kleines: Bachs glaubensstrenge h-Moll-Messe im katholischen Regensburg in einer szenischen Interpretation zu zeigen, die den lateinischen Text der römischen Messe nicht mit einschlägiger Symbolik unverfänglich dekoriert, sondern ihn ganz direkt mit heutigen Alltagserfahrungen konfrontiert – auch solchen, die keineswegs geeignet sind, den Glauben an den lieben Gott hoch droben und die Hoffnung auf sein segensreichen Wirken hienieden zu stärken. Es ist allein schon eine kühne Idee, dieses Hochamt überhaupt als Musiktheater unters Volk zu bringen. Bach erzählt ja hier keine erbauliche Passions- oder Weihnachtsgeschichte, sondern er vertont einen katholischen Ritus, in dem es einzig allein um eines geht: um das Bekenntnis des sündigen Menschen zu Gott und um die Verherrlichung jener Erlösung nach dem Tode, die den wahrhaft Gläubigen am Ende aller Tage zuteil werden wird. Am Theater Regensburg haben der Regisseur Jochen Biganzoli, der Bühnenbildner Wolf Gutjahr und die Kostümbildnerin Katharina Weissenborn aber genau dies gewagt – und gewonnen, sogar beim Publikum.

Dafür gibt es mindestens zwei Gründe. Es ist zwar in der Tat so, dass die Ereignisse, Alltagsvorfälle und Schicksale, mit denen Biganzoli den Messetext szenisch kontrapunktiert, in einem himmelweiten Spannungsfeld zu der ehernen Glaubensgewissheit stehen, die sich in diesem Ritus ausdrückt. Aber der Regisseur wird dennoch in keinem Moment besserwisserisch und widersteht damit der Versuchung, selbst in die Rolle des dogmatischen Predigers mit klar adressierter Botschaft zu verfallen. Alles geschieht hier spielerisch und theatral im besten Sinne: Was auf der Bühne zu sehen ist, das ist keine Anti-Predigt, sondern ein unterhaltsames, ja manchmal auch geradezu ironisches szenisches Erlebnis. Wenn da ein Paar einen Kindergeburtstag vorbereitet und die Frau sich zwecks Erheiterung des Kindleins im Kinderwagen in ein kreisch-rotweißes Bunny-Kostüm wirft, dann ist das erst mal genauso kreischkomisch wie das Outfit. Wenn man aber dann erkennt, dass dieses junge Paar offenbar einen Selbstbetrug inszeniert, weil das Kind längst tot ist, und wenn dann eine triste Trauergesellschaft das Bühnengeschehen ins Finstere abdunkelt, dann tut einem die komische Frau nur noch leid. Und plötzlich geht es ganz handfest um Geburt und Tod, und kein Trost ist nah. Im Gegenteil: Die Monitore, die auf die Wohn-Zellen von Gutjahrs zweistöckiger Bühnenarchitektur verteilt sind, zeigen Wort-Fragmente des 8. Gebots. Ja, klar, das junge Paar hatte mit der Fake-Geburtstagsfeier für sein totes Kind „falsch Zeugnis“ abgelegt. Aber das strenge Gebot kommt einem in diesem Kontext ganz schön herzlos vor.

Genau diese Wechselbäder sind der zweite Grund für das Gelingen der Inszenierung, denn sie machen den Abend nicht nur dramatisch spannend, sondern auch intellektuell inspirierend. Er beginnt wie eine konzertante Aufführung: Der Chor steht vor einer roten Wand, auf der in (etwas zu) prunkvoller Goldschrift Bachs berühmte Signatur „Soli Deo Gloria“ prangt. Aber gegen Ende des Eingangschores klappt ein Sänger nach dem anderen seine Noten zu, wie irritiert, als könne er gar nicht verstehen, zu wessen Ehre er da singt. So zerbricht die Gewissheit des Glaubens. Nur die Sopranistin Sara-Maria Saalmann und die Mezzosopranistin Vera Semieniuk bleiben übrig – und pellen sich unversehens aus ihren schwarzen Konzertroben, bis sie nur noch ihre blauen Badeanzüge anhaben. In denen swingen sie, langbeinig und ziemlich sexy, im heißen Tabledance zum „Christe eleison“-Duett, während ein blonder Schönling Liegestühle auffährt und Cocktails serviert. Pool-Atmosphäre macht sich breit, die leichtbekleideten Ladies malen dem Cocktail-Schönling Christi Wundmale auf den Oberkörper und schmiegen sich lasziv an ihn, auf dass er sich ihrer erbarme. Da aber taucht der Chor wieder auf und schleudert ihnen in wütender Diktion das „Kyrie eleison“ entgegen. Und die beiden suchen verschreckt Schutz in ihren Frottee-Bademänteln. So allzu menschlich war es offenbar nicht gemeint mit der Liebe zu Christi – unausgesprochen steht plötzlich das Thema der Sünde im Raum.

Ein letztes Beispiel: Beim „Credo in unum Deum“ arbeitet sich ein junger Typ in Blue Jeans (der Schauspieler Naji Baghdadi) aus einer Falltür empor – und betet das Allahu Akbar. Erst denkt man, das wäre ein wohlfeiler Anfall von politischer Korrektheit. Aber dann schaut man auf die Übertitel und stellt verblüfft fest, dass dieser Muslim eigentlich auch nichts anderes verkündet als die sich zum Glauben an den einen Gott bekennenden Christen. Als die aber wiederkommen, „steinigen“ sie ihn mit Knüllpapier-Bällen, bis er zusammenbricht. Und der Zwischenprospekt, der sich gnädig über das Geschehen senkt, trägt die Farben Schwarz-Rot-Gold. Davor singen Anne Preuß und Vera Egorova-Schönhofer im Hostessen-Outfit das Duett „Et in unum Dominum, Jesum Christum“ – und machen die Raute dazu, während auf dem Zwischenvorhang der Text des Grundgesetzes aufleuchtet: Die Würde des Menschen ist unantastbar, Glaubensfreiheit, Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit… Ja, auch dazu sollten wir uns bekennen, und die Menschen im Regensburger Theater tun das, indem sie diesem Duett Zwischenapplaus spenden. Da aber fährt der Prospekt wieder hoch, und der gesteinigte Muslim liegt noch immer da – und man erinnert sich an den einen Satz: „Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.“ Der Gläubige, der da auf der Bühne liegt, war aber durchaus verletzlich.

Man muss allerdings auch festhalten, dass nicht alle Einfälle Biganzolis so zwingend vielschichtig sind. Aber das tut der Gesamtwirkung wenig Abbruch – eben weil er in keinem Moment vorgibt, dem christlichen Dogma seine eigene Weisheit dogmatisch entgegenzustellen, sondern sich klar zum Prinzip der frei vagabundierenden Assoziation bekennt. Man sieht erhellende und erheiternde, bemühte und belanglose Aktionen, später kommen Videos von Thomas Lippick hinzu, auf denen alle nur denkbaren zivilisatorischen und politischen Missstände und Katastrophen des vergangenen und jetzigen Jahrhunderts an uns vorbeiflimmern. Dabei hat Biganzoli allerdings stets ein gutes Gespür für szenischen Rhythmus und formbildende Beziehungen. Am Ende kehrt das Geschehen wieder zur konzertanten Anfangssituation zurück, aber nun hängt der Bühnenhimmel voller Fragezeichen.

Auch musikalisch ist so eine Transformation der heiligen Messe ins Theatrale natürlich ein Wagnis. Denn es kann ja gar nicht ausbleiben, dass die szenische Aktion auch zu einer expressiven Intensivierung der Musik führt, die dem meditativen Ritual der Messe eigentlich zuwiderläuft. Zudem man merkt natürlich, dass hier keine auf historische Klang- und Artikulationsfinessen eingeschworenen Spezialisten am Werk sind. Der Orchesterklang hätte durchaus mehr Kontur und eine pointiertere Artikulation vertragen können, und Chor sowie Solisten navigierten stellenweise etwas schwerfällig durch Bachs feinperlige Koloraturen. Dies vorausgesetzt, gelang allen Beteiligten unter der umsichtigen und in der beschwingten Rhythmik auch stilbewussten Leitung von Alistair Lilley eine beachtliche Leistung. Im Orchester brillierten Horn oder Flöte mit schön gespielten Soli, der Chor fand sich alles in allem mehr als achtbar in Bachs vertrackter Polyphonie zurecht, und unter den insgesamt guten Vokalsolisten machte die lyrische Koloratursopranistin Sara Maria Saalmann durch schönes leuchtendes Timbre und klare Linienführung auf sich aufmerksam. Am Ende begeisterter Beifall, der erst enden wollte, als der Eiserne sich vor der Bühne gesenkt hatte.