Davos mit Himalaya-Blick - Tuberkulose im Rollstuhl

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Der Chor des Theaters Hagen im Anfangsbild von "Everest" in der Inszenierung von Johannes Erath

© Foto: Klaus Lefebvre
Musiktheaterkritik

Magic Mountain

von Andreas Falentin

Joby Talbot: Everest

Premiere: 05.05.2018 (Deutsche Erstaufführung)
Theater Hagen
Homepage: http://www.theaterhagen.de/

Regie: Johannes Erath
Musikalische Leitung: Joseph Trafton

Wieder einmal traut es sich was, das kleine Theater Hagen. Das seit etlichen Jahren mit immer weiter gehenden Etatkürzungen malträtierte Haus wuchtet „Everest“, die bisher einzige, 2015 in Dallas uraufgeführte Oper von Joby Talbot als europäische Erstaufführung auf die Bühne. Der englische Komponist kombiniert elektronische Soundscapes mit viel Percussion und, wie häufig im anglo-amerikanischen Musiktheater der letzten 50 Jahre, Anklängen an Puccini und Bernstein, Britten und Strawinsky. So ist eine von Rhythmus und Klangfarbenspektrum dominierte Partitur entstanden, die – und hier hebt sich Talbot deutlich von Zeitgenossen wie Charles Wuorinen oder David T. Little ab – bei aller in Kauf genommenen Sentimentalität zum Ende hin durch dichte Dramaturgie und eigenständige Erzählweise für sich einnimmt.

Der Regisseur Johannes Erath fremdelt vor allem mit dem Sujet. Er mag sich dem Bezwingen eines Achttausenders auf der Bühne nicht real aussetzen, war mutmaßlich – und durchaus zu Recht – von Ängsten geplagt vor pathetisch glotzenden Luis-Trenker-Helden im synthetischen Schneegestöber auf der Opernbühne. So hat er sich für eine andere Bildwelt entschieden, gestiftet von Thomas Manns „Zauberberg“. Der erblickte 1924 das Licht der literarischen Welt, im gleichen Jahr, als der leichengepflasterte Run auf die Erstbesteigung des höchsten Bergs der Welt begann – mit den ersten Toten.

Kaspar Glarner hat eine gewaltige, edel weiße Halle gebaut. Darin fahren die Choristen, bei Talbot Berg an sich, Mahner und Warner, weiß gekleidet in Rollstühlen umher. Ab und zu hustet jemand verschämt, einmal tritt ein Arzt auf. Ansonsten kommt die von Mann so minutiös beschriebene Kunstwelt des alpinen Sanatoriums allenfalls optisch vor. Man muss sie sich dazu denken. Was es aber sehr wohl gibt, sind Videoprojektionen, große und kleine, von Bergsteigern und Gebirgen. Und dann schneit es doch in die Hotelhalle hinein. Trotz alledem!

In dieser doppelten Holzschnitt-Bildlichkeit ist die, zumindest im ersten Teil, eher kleinschrittige, auf Dokumentarischem basierende Erzählarchitektur von Talbot und seinem Librettisten Gene Scheer kaum vermittelbar. Dass sich Doug überwindet, beim zweiten Versuch den Gipfel schafft, aber dabei nicht nur seine Kräfte überschätzt hat, sondern auch den Bergführer Rob mit in den Tod reißt, der sich verpflichtet fühlt, ihm beizustehen. Dass es interessant wäre herauszufinden, was Rob, der in Neuseeland ein Kind erwartet, ausgerechnet diese lebensgefährliche Arbeit verrichten lässt. Dass Beck, dessen Kräfte ermattet sind, der unterhalb des Gipfels zurückgeblieben ist und nur mit Glück überlebt, es vielleicht tatsächlich gelingt, ausgerechnet mit diesem erfolglosen Aufstieg einen Anfang zu machen und sein völlig verkorkstes Leben in Ordnung zu bringen. Das ahnt man aus Musik und Libretto, aber man erlebt es nicht, weil diese Musik, dieser Text deutlich nach Abstraktion schreien – und hier zwischen zwei Bildwelten zerrieben werden.

Was doppelt schade ist. Denn Eraths Personenführung ist über lange Strecken durchaus inspiriert und ambitioniert. Und die musikalische Umsetzung würde auch einem größeren Haus Ehre machen. GMD Joseph Trafton, der „Everest“ vermutlich eigenhändig in den Spielplan gehievt hat, kommt hervorragend mit den schwierigen akustischen Verhältnissen des Hauses zu recht, füllt den Raum differenziert, überfordert ihn nie, und gibt ihm mit dem großen Quartett der Protagonisten, das Erath als einziges vor dem Vorhang verortet, ein echtes musikalisches Zentrum. Chor und Orchester haben das Stück ganz offensichtlich zu ihrer Aufgabe gemacht, musizieren transparent und mit viel Energie. Veronika Haller (Robs Frau) und Kenneth Mattice (Doug) holen aus ihren nicht besonders attraktiven Partien viel heraus, Morgan Moody leiht dem depressiven Doug eine imposante Skala von subtilen Grautönen, hat allerdings naturgemäß unter der gigantomanischen Optik am meisten zu leiden. Musa Nkuna schließlich zeigt sich der dankbaren Tenorpartie des Rob voll und ganz gewachsen. Sein Gesang ist nie Selbstzweck, aber immer sinnlicher, immer wieder bewegender Genuss.