Szene aus "Stilles Meer"

Szene aus "Stilles Meer"

© Foto: Arno Declair
Musiktheaterkritik

Radioaktives Musiktheater

von Christian Strehk

Toshio Hosokawa: Stilles Meer

Premiere: 24.01.2016 (Uraufführung)
Staatsoper Hamburg
Homepage: http://www.staatsoper-hamburg.de

Regie: Oriza Hirata
Musikalische Leitung: Kent Nagano
Autor der Vorlage: Hannah Dübgen

„Die Natur kann sehr grausam sein“ gibt Toshio Hosokawa zu Protokoll. Ihren Grausamkeiten gibt der japanische Komponist, seinerseits 10 Jahre nach einer der größten menschlichen Grausamkeiten in Hiroshima geboren, in seinem neuen Musiktheater „Stilles Meer“ einen Klang. Er ist damit dem Auftrag der neu und wieder steiler aufgestellten Staatsoper Hamburg nachgekommen, der Katastrophe von Fukushima, dem großen Beben, dem Tsunami und dem Reaktor-GAU ein Echo in der Kunst zu verschaffen: ein szenisches Requiem mit dröhnendem „Dies irae“ und raunendem „Dona nobis pacem“ sozusagen. Das Meer Hosokawas schwappt und rauscht, bäumt sich auf und mündet sich überschlagend in ein Perkussionsgewitter. Geprägt von Isang Yun bis Helmut Lachenmann zieht er dabei in bewährter stilistischer Balancierung von West und Fernost gekonnt alle Orchesterregister – vom aggressiven Fortefortissimo bis zum hörbar gemachten Flirren der unsichtbaren Radioaktivität.

Hamburgs neuer Generalmusikdirektor Kent Nagano steuert all das mit den präzise eingepegelten Philharmonikern in Sachen Klangtiefe und Farbspektrum sehr eindrucksvoll aus. Entsprechend positiv beeindruckt ist die Reaktion des Publikums nach etwas mehr als anderthalb Stunden der Uraufführung. Hosokawa hat ein verstörendes Bild der Erinnerung in Musik eingefroren, voller Schönheit im Erschauern der ewigen Natur und voller Schrecken im individuellen und kollektiven Schicksal der Menschen.

Die tiefe Erschütterung der modernen Welt wird nämlich in der unfassbaren Trauer Claudias gespiegelt, einer in Japan lebenden deutschen Mutter, die zwar gerade noch den realen Fukushima-Tod ihres japanischen Lebensgefährten, nicht aber den ihres Sohnes Max annehmen kann. Der japanische Regisseur Oriza Hirata platziert sie deshalb zwischen Leben und Tod, zwischen Weltscheibe und Nirgendwo (Bühne: Itaru Sugiyama): als ruhelos Umherirrende auf einer Brücke, die deutlich das No-Theater herbeizitiert. Über allem baumeln Leuchtröhren wie glühende Brennstäbe. Und ein kleiner Roboter verkündet gebetsmühlenartig die trügerische Wahrheit, man befinde sich in „gesicherter“ Zone, zumindest, bis die Totengräber in weißen Schutzanzügen auf die Bühne kommen.

Am Tag der traditionellen „O-higan“-Zeremonie, wenn die Fischer zum Gedenken an die Verstorbenen Lampions auf dem Wasser treiben lassen, versuchen Claudias deutscher Exfreund, er ist der leibliche Vater des getöteten Kindes, und die Schwester ihres ums Leben gekommenen Lebensgefährten vergeblich, sie mit buddhistischen Beschwörungsformeln ins wahre Leben zurückzuholen. Der Chor der Fischerdörfler, der etwas betulich à la Benjamin-Britten-Realismus von Aya Masakane kostümiert ist, aber musikalisch enorm reizvoll in einer Art „close harmony“ changiert, hat dazu die ewig offenen Was-wäre-wenn-Fragen parat.

Seine große Schwäche hat das letztlich zeitlose Musiktheater allerdings gerade im deutschsprachigen Textbuch (Hannah Dübgen) und seiner stockend gestelzten Durchbuchstabierung in monoton simplen, an japanische Mönchsgesänge angelehnten Monodien. Die Dialoge („Arie“ des Stephan: „Du weißt, dass Max nicht mehr ist. Du bleibst, weil Max nicht mehr ist. Du musst aber nicht bleiben, wo unser Sohn nicht mehr ist! Sieh doch, wie es wirklich ist!“) wirken auf diese Weise oft extrem papieren.

Über jeden ansatzweise expressiveren Ausbruch ist man prompt heilfroh, zumal hier auf grandiosem Niveau gesungen wird: Die dänische Koloratursopranistin Susanne Elmark brennt mit ihrer faszinierend intensiven Laserstimme als Claudia wahre Anklage-Menetekel in die allseits verstrahlte Tristesse; der Alte-Musik-Star Bejun Mehta beschwört sie als deutscher Kindsvater Stephan in maximal schönen, raumgreifenden Countertenor-Tönen, die Realitäten anzuerkennen; und Bayreuths bewährte Kundry Mihoko Fujimura verleiht der Schwägerin Haruko eine herbe Eindringlichkeit, wie sie nur große Mezzosoprane zu bieten haben.

Eines aber zeigen schon die wenigen fernöstlichen Zitate: Vermutlich wäre für westliche Ohren ein großer, wunderbar fremdartiger Abend aus diesem unter- und oberschwellig bedrohlich radioaktiven Musiktheater erwachsen, wenn die Künstlichkeit eine unmittelbare Entsprechung in japanischer Originalsprache behalten hätte.