Ensembleszene

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© Foto: Thilo Beu
Musiktheaterkritik

Erdgeister im Kohleflöz

von Regine Müller

Heinrich Marschner: Hans Heiling

Premiere: 24.02.2018
Theater und Philharmonie Essen
Homepage: http://www.theater-essen.de

Regie: Andreas Baesler
Musikalische Leitung: Frank Beermann

Zu seinen Lebzeiten zählte Heinrich Marschner zu den einflussreichsten deutschen Komponisten der Romantik. Doch sein Nachruhm währte nicht allzu lange, sieht man einmal ab von der Arie des Titelhelden seiner bekanntesten Oper „Hans Heiling“, die sich hartnäckig hielt als Wunschkonzert-Hit. In letzter Zeit scheint sich jedoch eine noch verhaltene Marschner-Renaissance anzukündigen: „Der Vampyr“ wurde kürzlich in trashiger Grusel-Ästhetik von Regisseur Antú Romero Nunes an der Komischen Oper in Berlin wiederbelebt, „Hans Heiling“ kam in Regensburg, Cagliari und Wien heraus. Und nun in einer wirklich famosen Neuproduktion an der Essener Aalto-Oper, in der Regisseur Andreas Baesler den Märchenstoff nach einer alten böhmischen Sage nahtlos schlüssig ins Ruhrgebiet des mittleren 20. Jahrhunderts verlegt. Baeslers konsequente Entzauberung und Konkretisierung folgt einem gegebenen Anlass: Am 21. Dezember wird die Bottroper Zeche Prosper Haniel schließen, das letzte aktive Steinkohlen-Bergwerk in Deutschland, die letzte Zeche im Pott. Damit geht eine Ära zu Ende für diese Region, deren Identität sich über die Kohle und die Schwerindustrie definierte.

Tatsächlich handelt Marschners 1833 uraufgeführte Oper vom Bergbau und dürfte wohl die einzige ihrer Art sein. Der Titelheld von „Hans Heiling“ ist König der Erdgeister und hadert mit seinem Reichtum und der Fuchtel seiner machtbewussten Mutter. Es drängt ihn hinauf in die Welt zu seiner geliebten Anna, einer Sterblichen, mit der er ein normales Menschenleben führen will.

Andreas Baesler hat in der Handlung verblüffende Parallelen zur Dynastie der Essener Krupp-Familie ausgemacht und inszeniert den Titelhelden als Wiedergänger von Alfried Krupp und seine Mutter, die Königin der Erdgeister als Bertha Krupp. Auch Alfried wollte dem Druck des Industriellen-Erbes entfliehen, auch er suchte sein Heil in einer nicht standesgemäßen Ehe.

Im Prolog thront in Essen ein mächtiger Schreibtisch nebst Tresor auf Harald B. Thors holzvertäfelter Bühne, die mit schweren Lüstern eindeutig auf die Essener Villa Hügel der Krupp-Dynastie verweist. An der Wand wird im Halbdunkel allmählich ein Kohleflöz sichtbar, in dem der Chor mit Grubenlampen auf den Helmen wimmelt. Im ersten Akt fährt ein puristischer Wohnraum der 1960er Jahre herein, der jenen mysteriösen Bungalow zitiert, den sich der Krupp-Erbe Alfried in den riesigen Krupp-Park baute, um der hochherrschaftlich düsteren Villa zu entfliehen. Später spielt das Tanzfest zu Ehren der heiligen Barbara in einer Waschkaue, die an die Zeche Zollverein erinnert, und danach geht ein wehmütiges Raunen durch Publikum, wenn der Neon-Schriftzug „Großer Blumenhof“ aufleuchtet, einst der Ort legendärer Tanztees im Essener Grugapark.

Liebevoll und reich an authentischen Details rekonstruieren Harald B. Thors Bühnenbild und Gabriele Heimanns Kostüme die Aura jener großen Zeit der Kohleförderung, ohne sie jedoch unnötig zu verklären. Die gesprochenen Dialoge sind von Hans-Günter Papirnik in kerniges Ruhrdeutsch übertragen worden, was sich erstaunlich gut mit dem durchaus etwas altertümelnden Text des Librettos verträgt.

Andreas Baesler ist im Ruhrgebiet kein Unbekannter, denn er war von 2004 bis 2008 Chefregisseur am Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen und hat auch an anderen Häusern inszeniert. Er kennt sich also aus mit der Mentalität und den Gebräuchen der Bergbau-Kultur und so gelingt es ihm perfekt, die alte Sage in eine fein austarierte Kleinbürger-Milieu-Studie zu übersetzen, ohne die Fallhöhe des Dramas zu kassieren. Wunderbar präzise ist seine Personenregie, die für viel kleinteilige Bewegung auf der Bühne, aber nie in leeren Aktionismus verfällt.

Eine Entdeckung ist auch Heinrich Marschners Partitur: Sie ist hinreißend farbig instrumentiert, dabei transparent gesetzt und sprudelt nur so von melodischen Einfällen. Der Komponist wurde von der Musikwissenschaft lange Zeit nur als Scharnier zwischen Carl Maria von Weber und Richard Wagner einsortiert, dabei sind die Bezüge von „Hans Heiling“ etwa weitaus komplexer, denn neben Reminiszenzen an Weber sind auch Elemente Mendelssohn’scher Emphase zu entdecken, dann wieder glaubt man Schumann durchzuhören und auf Wagner verweist Marschner vor allem deshalb, weil der Gesamtkunstwerker sich ziemlich munter an Marschners Ideen bedient hat.

Frank Beermann am Pult der Essener Philharmoniker geht mit Verve ans Werk und holt ein Maximum an Differenzierung und Dramatik aus der Partitur heraus. Insbesondere die Ensembles sind kompliziert gesetzt und verlangen minutiöse Präzision und stilsicheres Formulieren. Auch die gesprochenen Dialoge und Melodramen stellen für die Sänger besondere Herausforderungen dar. Mit einer geschlossenen Leistung glänzt das Essener Ensemble, allen voran Jessica Muirhead als Anna mit leuchtendem, klar schimmerndem Sopran, Heiko Trinsinger beglaubigt den zerrissenen Titelhelden mit eindrücklichem Spiel und heldischen Bariton-Tönen, Jeffrey Dowd als Annas Geliebter Konrad bleibt dagegen ungewohnt zaghaft, Rebecca Teem gibt der dominanten Mutter Hans Heilings angemessene Würde und vokale Intensität, Bettina Ranch gibt Annas Mutter handfeste Normalität und satte Alt-Farben. Am Ende sorgt das originale Bergwerksorchester Consolidation dann doch noch für einen Hauch echter Pott-Sentimentalität. Großer Applaus für eine rundum geglückte Produktion. „Hans Heiling“ in Essen ist sozusagen „Milch und Kohle“ für Wagnerianer.