Szene aus Henzes Kinderoper "Pollicino" am Theater Aachen.

Szene aus Henzes Kinderoper "Pollicino" am Theater Aachen.

© Foto: Carl Brunn
Musiktheaterkritik

Wilde Haare und fröhliche Buhs

von Andreas Falentin

Hans Werner Henze: Pollicino

Premiere: 20.05.2011
Theater Aachen
Homepage: http://www.theater-aachen.de

Regie: Sebastian Jacobs
Musikalische Leitung: Gábor Káli

Weit hat das Theater alle Pforten aufgerissen. 110 Schüler von Hauptschule bis Gymnasium haben ein dreiviertel Jahr lang Hans Werner Henzes Kinderoper „Pollicino“ geprobt und gestaltet. Sie spielen und singen, musizieren im Orchester (beides gemeinsam mit Studenten der Aachener Musikhochschule), haben mit viel Phantasie Bühnenbild, Kostüme und Haartrachten mitentwickelt und hergestellt und sogar die Öffentlichkeitsarbeit miterledigt – ein in seiner Totalität sicher einzigartiges Projekt. In etlichen Workshops haben sich die Mitarbeiter des Aachener Theaters („berufsorientierend“ begleitet vom Sozialwerk Aachener Christen) voll auf die Schüler eingelassen und – nach eigener Aussage – selber enorm davon profitiert.

Auch das Ergebnis kann sich sehen (und hören) lassen. „Pollicino“ basiert auf einer italienischen Mischung der Märchen von Däumling und „Hänsel und Gretel“. Der Klang des kleinen Orchesters wird von sechs Querflöten und jeder Menge Schlagwerk dominiert. Auf der Bühne wie im Graben arbeiten, unter der musikalischen Leitung von Gábor Káli, Schüler und Erwachsene hervorragend zusammen. Es wird rein intoniert und beseelt gespielt, alle Gänge sitzen. Ansprechend sind auch die deutlich vom Heute ausgehenden Bühnenbilder, besonders der Wald als, romantisch verbrämtes, verlassenes Elendsviertel.

400 Aachener Schüler sind ein waches und direktes Publikum, begeisterungsfähig und konzentriert vor allem dann, wenn sie, was hier häufig geschieht, an der eigenen Lebenswirklichkeit gepackt werden. Als aber bei einer – erwachsenen – Sängerin der Text nicht zu verstehen ist, rücken die morgige Mathearbeit und der süße Junge in der dritten Reihe umgehend in den Vordergrund, wie auch bei allen Orchesterzwischenspielen vor geschlossenem Vorhang. Beim Solo der vier Percussionisten jedoch groovt, klatscht und summt nach kürzester Zeit alles mit. Am Ende entlädt sich ein gewaltiger Applaus mit vielen Zugaberufen. Nur die Bösewichte werden mit fröhlichen Buhs überschüttet. Man soll eben keine Kinder im Wald aussetzen.