Graf Almavia (Sunnyboy Dladla) befreit seine Rosina (Aytaj Shikalizada) von den Marionetten-Fäden. Szene aus Martin G. Bergers Inszenierung von Rossinis „Barbiere di siviglia“ an der Oper Dortmund.

Graf Almavia (Sunnyboy Dladla) befreit seine Rosina (Aytaj Shikalizada) von den Marionetten-Fäden. Szene aus Martin G. Bergers Inszenierung von Rossinis „Barbiere di siviglia“ an der Oper Dortmund.

© Foto: Anke Sundermeier, Stage Picture
Musiktheaterkritik

Die Marionetten proben den Aufstand

von Detlef Brandenburg

Gioachino Rossini: Il barbiere di Siviglia

Premiere: 07.10.2018
Oper Dortmund
Homepage: https://www.theaterdo.de

Regie: Martin G. Berger
Musikalische Leitung: Motonori Kobayashi
Autor der Vorlage: Pierre Augustin Caron de Beaumarchais

Vor dem großen Bühnenportal, auf dem Umgang, der den Orchestergraben direkt vor der ersten Zuschauerreihe einfasst, steht auf einem Barhocker ein kleines Bühnenportal. Und in das eigentliche Bühnenportal des Dortmunder Opernhauses hat die Bühnenbildnerin Sarah-Katharina Karl ein weiteres Portal eingebaut, in voller Breite eingefasst durch Holzwände in gedecktem Nussbaum und mit einem ebensolchen samtroten Vorhang wie das kleine auf dem Barhocker. Macht zusammengenommen: Ein Portal vorm Portal im Portal. Diese Staffelung sagt schon einiges über die Inszenierung von Martin G. Berger. Der Regisseur, geboren 1987 in Berlin, einer der phantasievollsten in einer ganzen Reihe von hochbegabten Newcomern seiner Generation, überlagert Rossinis „Il barbiere di Siviglia“ mit gleich mehreren Bedeutungsebenen. Seine von den Zuschauern begeistert gefeierte Arbeit ist eine ebenso intelligente wie puppenlustige Mehrfach-Verschachtelung.

Wobei der Begriff „puppenlustig“ hier wörtlich zu nehmen ist. Berger macht unter tätiger Mithilfe der Puppenbauerin Rachel Pattison und des Kostümbildners Alexander Djukov-Hotter aus Rossinis Opernhelden eine Riege tolldreister und am Ende ziemlich trauriger Puppen. Die Kostüme übersteigern die Merkmale der Buffa-Typen ins Phantastische, die Sänger hängen in ihrem Fluggeschirr wie Marionetten an ihren Fäden. Und wie Marionetten können sie sogar fliegen – Graf Almaviva zum Beispiel schwebt in seinem Silber-Outfit auf die Bühne wie ein glamouröser Deus ex machina. Und genau dieses Puppenhafte und Maschinenartige passt schon mal sehr gut zu Rossinis Musik und Dramaturgie. Deren Figuren sind ja tatsächlich aus den Typen der Commedia dell’arte hervorgegangen; und die musikalische Vitalität schnurrt wie eine gut geölte Maschine, immer schneller Nummer auf Nummer setzend, ein perfekt aufeinander abgestimmtes Räderwerk, das unaufhaltsam in Richtung Finale saust. Allein schon aus dieser artifiziellen Verfremdung aller Bewegungsabläufe gewinnt Berger eine überbordende Komik, wenn beispielsweise ein Sänger oder eine Sängerin hoch in den Lüften Kantilenen schmettert oder die Akteure wie am Bungee-Seil über die Bühne pendeln.

Aber Berger geht es nicht nur um das Feuerwerk der akrobatischen Sensationen. Das Marionettenhafte ist für ihn zugleich Metapher für die Gebundenheit der Figuren an ihre traditionelle ästhetische Typologie, also an den Pantalone (Bartolo), den Dottore (Basilio), die Amorosi (Graf und Rosina), den Arlecchino (Figaro). Und diese Typologie wiederum ist Abbild festgefügter sozialer Rollen. Vor diesem Hintergrund kann dann der adelige Graf, der ein bürgerliches Mädchen heiraten will, zum Inbegriff des Revolutionärs werden: Er strebt etwas an, was nach traditioneller Vorstellung eine Mesalliance ist. Seine Liebe negiert die Standesgrenzen. Und weil das so natürlich nicht in, sondern nur versteckt zwischen den Zeilen des Librettos von Cesare Sterbini steht, braucht der Regisseur den Erzähler Hannes Brock: im wirklichen Theaterleben seit 1992 Tenor im Dortmunder Opernensemble und Kammersänger, in dieser Inszenierung der Puppet Master der Meta-Erzählung. Er stellt den Zuschauern Figaro als „Randale-Profi“ vor und den Grafen als Revolutionär, unterbricht die Handlung immer wieder salopp kommentierend,  etliche etwas hemdsärmeligen Aktualisierungen inklusive. Der Graf beispielsweise hat alles, was er sich wünscht: „Geld, Gold, Edelsteine und ein Iphone.“ Nun ja.

Diese Einbrüche des Kommentierens und Kalauerns in die Musik wirken anfangs etwas schwafelig und abtötend auf Rossinis Esprit. Aber nach und nach finden Rossinis musikalische Handlung und Bergers Meta-Erzählung zueinander, und am Ende des ersten Aktes löst Almaviva, auf der Bühne herumwirbelnd wie ein wildgewordener Clown, die Figuren tatsächlich von ihren Fäden. Auch der immer diktatorischer auftretende Erzähler wird ausgeknockt, und die phantasievoll wandlungsfähige Bühne von Sarah-Katharina Karl bricht zusammen. Doch das Glück der Freiheit erweist sich als mühevoll. Erdenschwer und krummgliedrig tapern Rossinis Helden über die Bühne und werden, der Führung an den Fäden beraubt, ihres neuen Lebens nicht froh. Und so sorgt am Ende Figaro in Vertretung des Erzählers dafür, dass alle brav ins Geschirr zurückkehren. Der Erzähler ersteht wieder auf, und das Finale wird zur Feier der Konterrevolution. Ein trauriger Schluss eigentlich, so lustig er auch ins Werk gesetzt ist.

Motonori Kobayashi, der Erste Kapellmeister der Oper Dortmund, steht in dieser Produktion vor schwierigen Aufgaben. Bergers turbulente Personenregie macht die Koordination der Ensembles nicht leichter; und über die vielen Unterbrechungen und Schnitte hinweg den Drive immer wieder in Schwung zu bringen, erfordert Konzentration und Animation. Insgesamt gelang Kobayashi das bei der Premiere beachtlich. Er musizierte seinen Rossini feingliedrig, flexibel und fließend, wobei ihm allerdings manchmal der rhythmische Biss abhanden kam. Es gab ein paar Wackeleien in den Ensembles und kleinere Unfälle im Orchester, aber alles in allem klang dieser „Barbier“ sehr kultiviert und vielschichtig. Eindrucksvoll war die stilistische Homogenität des Sängerensembles. Alle sangen sehr kantabel  und „italienisch“, kaum einer forcierte, die Stimmen lagen schlank auf dem Atem, Motonori ging achtsam mit ihnen um.

Aufhorchen ließ der südafrikanische Tenor Sunnyboy Dladla als Graf: eine gestochen klar fokussierte, hell timbrierte, strahlend präsente Stimme, beweglich und koloraturgewandt trotz des etwas harten Klangs. Auch die 1993 in Baku (Aserbeidschan) geboren Aytaj Shikhalizada bot eine bemerkenswerte Leistung: ein Mezzo mit feiner Koloratur-Finesse, nur in der Tiefe verschwimmen ihr die Konturen gelegentlich. Der russische Bariton Petr Sokolov ist ein schlanker, recht hell timbrierter, geschmeidiger Figaro, Morgan Moody als Bartolo ein Bassbuffo par excellence mit schöner, markant-flexibler Stimme und eindrucksvoller artikulatorischer Gewandtheit, Denis Velev ein wohlklingend dunkler Basilio.

Nach der „Aida“ am Freitag zuvor, die mein Kollege Andreas Falentin als eher fad beschrieben hatte, vermochte dieser Sonntags-„Barbier“ dem Auftakt-Wochenende, mit dem Heribert Germeshausen als neuer Intendant der Dortmunder Opern startete, also doch noch künstlerischen Glanz zu verleihen. Als Versprechen darf das beachtliche vokale Niveau des Ensembles gelten. Und dass Germeshausen in seiner Premierenfeier-Rede eine weitere Zusammenarbeit mit Martin G. Berger in Aussicht stellte, macht neugierig auf das, was noch kommen wird unter dem neuen Opernchef an in Dortmund.