In Lübeck gab es Rossinis „Barbier“ als Comic-Oper: Szene mit Alessandro Luciano (Almaviva) und Gerard Quinn (Figaro).

In Lübeck gab es Rossinis „Barbier“ als Comic-Oper: Szene mit Alessandro Luciano (Almaviva) und Gerard Quinn (Figaro).

© Foto: Oliver Fantitsch
Musiktheaterkritik

Der allen den Kopf wäscht

von Sören Ingwersen

Gioacchino Rossini: Der Barbier von Sevilla

Premiere: 27.01.2018
Theater Lübeck
Homepage: http://www.theaterluebeck.de

Regie: Pier Francesco Maestrini
Musikalische Leitung: Ryusuke Numajiri

Tumult im Orchestergraben. Am Premierenabend vom „Barbier von Sevilla“ verlangen die Musiker nach der Partitur. Da ist der Meister wieder einmal nicht rechtzeitig fertig geworden. Gioacchino Rossini höchstpersönlich – als Karikatur auf der raumfüllenden Projektionsfläche – kritzelt hastig die letzten Noten aufs Papier und überreicht sie Dirigent Ryusuke Numajiri, der die Musiker von der Bühne herab mit fliegenden Blättern beglückt.

Mit diesem köstlichen Einfall eröffnen Regisseur Pier Francesco Maestrini und Comiczeichner und Ausstatter Joshua Held am Theater Lübeck ein zweieinhalbstündiges Gagfeuerwerk allererster Güte. Fast ohne Requisiten interagieren die Sänger nicht nur miteinander, sondern auch mit ihren Trickfilm-Doppelgängern. Und man erfährt manches, was uns Librettist Cesare Sterbini verschwiegen hat. Etwa dass die schlafende Rosina, während Graf Almaviva sich unter ihrem Balkon als inbrünstiger Minnesänger in Pose wirft, nicht vom holden Liebesglück, sondern von einem leeren Kühlschrank träumt. Der Albtraum schlechthin für eine genusssüchtige Frau, die – wie alle „tragenden“ Figuren dieser kurzweiligen Inszenierung – ihren ballongleichen Körper im Trippelschritt über die Bühne bewegt: ausstaffiert nach dem Vorbild ihres wohlbeleibten Schöpfers Rossini.

In diesem grotesk-bunten Szenario rückt Rosina ihrem skrupellosen Vormund Bartolo, der sie der üppigen Mitgift wegen zur Heirat drängt, auch schon mal mit Boxhandschuhen und rosaroter Panzerfaust zu Leibe. Oder jagt ihn, während Wioletta Hebrowskas Mezzosopran in betörender Schönheit aufglüht, in der Comic-Welt durch ein Pac-Man-Labyrinth mit gierig zuschnappenden Mausefallen. Als Don Bartolo in giftgrüner Garderobe bereitet es Eugenio Leggiadri-Gallani offenbar nicht die geringste Mühe, den Saal mit seinem mächtigen, aber weich abgerundeten Bassbariton zu füllen. Mit imposanten stimmlichen Qualitäten wartet an diesem Abend auch Bariton Gerard Quinn in der Rolle des Strippenziehers Figaro auf, der im Auftrag des Grafen Almaviva eine Hochzeit mit Rosina in die Wege leiten soll und alle Hände voll zu tun hat, den misstrauischen Konkurrenten Bartolo in Schach zu halten. Der wiederum verbündet sich gegen Almaviva mit Rosinas Musiklehrer Don Basilio. Welchen strengen Geruch der schmierige Musikus verbreitet, offenbart die Comic-Animation, in der Sträucher ihr Laub abwerfen, Obst verdorrt und Vögel tot vom Baum fallen. Der aus Kiew stammende Bass Taras Konoshchenko verkörpert diese Stinkbombe auf Beinen, die auf der Bühne für zugekniffene Nasen, im Zuschauersaal aber für offen Ohren und viele Lacher sorgt. Ins hohe Register führt indes der lupenrein strahlende Tenor von Alessandro Luciano, der als Graf Almaviva zu den verrücktesten Mitteln greift, um seiner geliebten Rosina näher zu kommen, während auch Andrea Stadel als Haushälterin mit Hörrohr und Tomasz Mysliwiec als Diener Fiorello und orientierungsloser Offizier ihr komisches Potenzial voll ausreizen.

Erstaunlich, wie minutiös bei alledem die bewegte Comic-Welt und das Spiel der Akteure ineinandergreifen, wenn etwa Bartolo beim Singen die Worte sichtbar auf dem Mund fliegen oder Almaviva plötzlich ein langer Arm wächst, mit dem er ein begehrtes Geldbündel in unerreichbare Höhe hievt. Erstaunlich auch, wie viel Elan und Musizierlust das Philharmonische Orchester der Hansestadt Lübeck unter der Leitung seines ehemaligen Generalmusikdirektors Ryusuke Numajiri verströmt. Der 53-jährige Japaner hatte seinen Vertrag zum Ende der letzten Spielzeit vorzeitig gekündigt, um sich verstärkt seiner internationalen Karriere als Dirigent und Komponist zu widmen. Dass die Musiker bei dieser höchst einfallsreichen Inszenierung Rossinis Melodien nun so mitreißend, rhythmisch präzise, dynamisch ausgewogen und farblich transparent aus dem Graben peitschen, lässt nur einen Schluss zu: Das Orchester hat ihm diesen Schritt nicht übel genommen.