„Hänsel und Gretel“ an der Oper Stuttgart: Diana Haller (Hänsel), Esther Dierkes (Gretel), der Kinderchor der Oper Stuttgart und im Hintergrund das Staatsorchester unter Leitung von Georg Fritzsch. Auf dem Bildschirm: Szene aus dem „Hänsel und Gretel"-Film mit dem Regisseur Kirill Serebrennikov, der in Moskau unter Hausarrest festgehalten wird.

„Hänsel und Gretel“ an der Oper Stuttgart: Diana Haller (Hänsel), Esther Dierkes (Gretel), der Kinderchor der Oper Stuttgart und im Hintergrund das Staatsorchester unter Leitung von Georg Fritzsch. Auf dem Bildschirm: Szene aus dem „Hänsel und Gretel"-Film mit dem Regisseur Kirill Serebrennikov, der in Moskau unter Hausarrest festgehalten wird.

© Foto: Thomas Aurin
Musiktheaterkritik

Das Prinzip Hoffnung

von Detlef Brandenburg

Engelbert Humperdinck: Hänsel und Gretel

Premiere: 22.10.2017
Oper Stuttgart
Homepage: https://www.oper-stuttgart.de

Regie: Ensemble der Oper Stuttgart
Musikalische Leitung: Georg Fritzsch
Autor der Vorlage: Brüder Grimm

Rauschende Begeisterung im Stuttgarter Opernhaus nach der Premiere von Engelbert Humperdincks Märchenoper „Hänsel und Gretel“. Aber Begeisterung worüber eigentlich? Hätte man nicht eigentlich eher Wut im Bauch haben müssen? Oder ziemlich betreten nach Hause schleichen sollen? Denn dies war eine Premiere ohne den Regisseur Kirill Serebrennikov. Den kennt man in der weiten Theater- und Filmwelt als sensiblen Avantgardisten, der beispielsweise vor zwei Jahren in Stuttgart eine bemerkenswerte „Salome“ auf die Bühne gebracht hatte und vor einem Jahr an der Komischen Oper Berlin einen Aufsehen erregenden „Barbiere di Seviglia“. Man kennt ihn auch in Moskau, wo er das Gogol Center leitet – dort allerdings nicht zuletzt auch als bekennenden Schwulen und entschiedenen Kritiker des neokonservativen Regimes um Wladimir Putin, in dem erzkonservative Geistliche, radikalkapitalistische Hasardeure und militante Nationalisten ein für Außenstehende kaum durchschaubares Machtnetzwerk über Russland ausgebreitet haben. Wer sich mit einem solchen Netzwerk anlegt, lebt gefährlich. Kirill Serebrennikov lebt seit dem 23. August 2017 unter Hausarrest, der kurz vor der Stuttgarter Premiere bis zum 19. Januar verlängert wurde.

Nach offizieller Moskauer Lesart hat dieser Hausarrest natürlich überhaupt nichts mit Serebrennikovs Systemkritik zu tun oder mit seiner offensiven Thematisierung schwuler Themen. In einer lupenreinen Demokratie wie Russland ist die Freiheit der Kunst schließlich unantastbar. Nein – es geht angeblich um die Unterschlagung von umgerechnet etwa einer Million Euro an öffentlicher Förderung. Ein von außen kaum nachprüfbarer Vorwurf – wer unter den Verteidigern des Regisseurs könnte schließlich in die Bücher des Gogol Centers Einsicht nehmen? Allerdings haben die Behörden ihr Anschuldigungsszenario derart schlampig zusammengestoppelt, dass Misstrauen noch die mildeste Reaktion darauf wäre. (Details dazu hier) Der ganze Vorgang erweckt fatale Erinnerungen an die Stalin-Zeit, als Willkür, Desinformation und Unberechenbarkeit die Maximen einer Repressionsstrategie waren und noch der abstruseste Vorwurf genügte, einen Menschen in Lebensgefahr zu bringen. So weit ist es mit Serebrennikov Gott sei Dank noch nicht. Aber wenn die Ermittlungsbehörden ihre Sicht der Dinge durchboxen, wandert er für mutmaßlich zehn Jahre ins Gefängnis. Was das für einen Menschen wie ihn bedeutet, mag man sich nicht ausmalen. Schon der Hausarrest kommt einem Berufsverbot gleich.

Vor diesem Hintergrund war es richtig, ja zwingend, dass die Oper Stuttgart, die unter dem Titel Im Fokus: Kirill Serebrennikov auch eine Reihe von Sonderveranstaltungen anbietet, auf dem Premierentermin beharrte. Und es war genau so richtig, dass die Intendanz der Oper kommunizierte, dies sei eben nicht die Premiere von Serebrennikovs „Hänsel und Gretel“-Inszenierung; Bühnenbild und Kostüme würden weiter aufbewahrt, bis Serebrennikov wieder frei sei und die Arbeit vollenden könne – „auch wenn das 10 Jahre dauert“, wie die Dramaturgin Ann-Christine Mecke bei der Einführungsveranstaltung formulierte. So hält man den Druck auf die Behörden in Moskau aufrecht. Ein bisschen jedenfalls

Was aber war der Abend dann? Er war vor allem eine künstlerische Demonstration der Solidarität und eine Geste des „Trotzdem!“. Deswegen war es so wichtig, dass eben doch ein künstlerisches Dokument von Serebrennikovs Auseinandersetzung mit Humperdincks Märchenoper gezeigt wurde. Und deswegen war es wertvoll, dass der Regisseur das Vorgehen der Oper Stuttgart autorisiert hat. Serebrennikov hatte die Idee, die Geschichte nach Ruanda zu verlegen, das einst eine deutsche Kolonie war, 1994 durch den Völkermord an der Volksgruppe der Tutsi in Gewalt und Armut versank, in den letzten Jahren aber einen erstaunlichen Aufschwung nahm. Hier hat das Wort Hunger noch einen anderen Klang als in Deutschland. Deshalb hatte Serebrennikov für die Titelfiguren zwei Kinder, Ariane Gatesi und David Niyomugabo, sowie weitere Darsteller gecastet und gemeinsam mit dem Kameramann Dennis Klebleev einen Film gedreht, der die beiden kindlichen Helden durch die Armenviertel der Hauptstadt Kigali begleitet bis zum Hexenhaus. Und das Hexenhaus – das steht mitten in Stuttgart. Es ist die Konsumwelt der Läden in der Fußgängerzone mit ihrem geradezu obszönen Überangebot an Luxusgütern und „Leckereien“ – eine schön böse Pointe.

Dieser Film, gezeigt auf einem Screen über der Bühne, bildet die dramaturgische Basis des Abends. Und das auf der Bühne sitzende, von Georg Fritzsch geleitete Orchester bildet nicht nur das Klang-, sondern auch gleich das Bühnenbild zur Aufführung. Es wurde ordentlich musiziert und von Diana Haller als Hänsel und Esther Dierkes als Gretel auch recht ansprechend gesungen. Zudem hatten die Sänger (in weiteren Partien: Michael Ebbecke als Vater, Irmgard Vilsmaier als Mutter, Daniel Kluge als Hexe und Aoife Gibney als Sand- und Taumännchen) eine Art halbszenischer Selbst-Inszenierung in Eigenregie geschaffen, in der sie – in Alltagskleidung und mit wenigen Requisiten – durch Gesten und Aktionen immer wieder Bezüge zwischen dem Film und der Handlung herstellten. Hier allerdings wäre ein bisschen mehr Zurückhaltung vielleicht doch der bessere Teil der Theatertugend gewesen. Der Film allein kann zwar die Dramaturgie von Humperdincks Oper nicht tragen. Aber er hat sehr einfühlsame, berührende Sequenzen. Vor allem dort aber, wo Serebrennikov kein Filmmaterial hergestellt hat, nämlich in den Hexenszenen des dritten Bildes, setzten die szenischen Protagonisten auf der Bühne ein bisschen arg auf den Nachdruck des Chargierens. Vor allem Daniel Kluge ließ als Knusperhexe der Rampensau derart freien Lauf, dass ein peinlicher Kontrast zu dem einfühlsamen Film entstand und man sich schon fragen konnte, ob das noch im Sinne von Serebrennikovs Ästhetik sein konnte.

Am Ende führt der Film seine beiden kindlichen Hauptdarsteller, nachem diese der bösen Konsumwelt draußen vor der Tür glücklich entronnen sind, zu den Zeilen „Wenn die Not aufs Höchste steigt, Gott der Herr die Hand uns reicht“ ins Elysium des Stuttgarter Opernhauses, wo sie in einer selbstreferentiellen Schleife eben dieses hoffnungsfrohe Schlussbild der Aufführung bestaunen. Und als dann beim Schlussapplaus Ariane Gatesi und David Niyomugabo leibhaftig auf der Stuttgarter Bühne erschienen – da kannte der Jubel der Zuschauer keine Grenzen mehr. Aber für mich persönlich blieb auch der schale Beigeschmack, dass sich hier eine wohlfeile politisch korrekte Gesinnung selbst bejubelte, während der Regisseur in Moskau weiterhin in seiner Wohnung festsaß. Man mag so einen Einwand geschmäcklerisch nennen. Aber die Selbstfeier des Theaters und seiner Zuschauer wäre in dieser Form vermeidbar gewesen durch eine Geste der szenischen Zurückhaltung.

Trotzdem rechtfertigte auch diese Selbstfeier die Entscheidung des Opernhauses für die Premiere ohne den Regisseur. Denn an so einem Abend geht es allenfalls am Rande um ästhetische oder Stilfragen, im Zentrum aber um das starke Signal der Solidarität, das der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann auf der Premierenfeier noch durch kluge und nachdrückliche Worte unterstrich. Ob es hilft? Machtgebilde, wie sie sich in Russland, der Türkei oder ansatzweise ja sogar in den USA entwickeln, lassen sich von engagierten Künstlern und ihrem enthusiastischen Publikum selten beeindrucken. Gut möglich also, dass die Stuttgarter Hoffnungsfeier ein schöner Schein bleibt. Aber selbst dann – eingedenk des großen Hoffnungsphilosophen Ernst Bloch – braucht die Welt diesen Schein, damit wir uns mit dem Falschen nicht abfinden.

Weitere Vorstellungen: 26. Oktober, 4. November, 2./13./16./26. Dezember, 7./14. Januar