Timothy Oliver (Hannibas) in "Satyricon" an der Semperoper Dresden

Timothy Oliver (Hannibas) in "Satyricon" an der Semperoper Dresden

© Foto: Ludwig Olah
Musiktheaterkritik

Facettenreicher Spiegel

von Ute Grundmann

Bruno Maderna: Satyricon

Premiere: 13.10.2018
Semperoper Dresden
Homepage: https://www.semperoper.de

Regie: Georg Schmiedleitner
Musikalische Leitung: Pietro Borgonovo

„Man hat nie genug.“ Dieser Geizsatz der Superreichen könnte als Motto über der jüngsten Produktion der Semperoper stehen. Denn Bruno Madernas „Satyricon“ hält der Gesellschaft einen facettenreichen Spiegel vor, zumal so, wie Georg Schmiedleitner diese Kammeroper in einem Akt inszeniert hat. Auf der Studiobühne Semper Zwei erlebt man eine faszinierende Mischung musikalischer und theatraler Mittel. Sirrende Töne, Licht- und Klangwechsel begrüßen die Zuschauer schon beim Hereinkommen. Trimalchio (Tom Martinsen) in Unterwäsche, Jackett, Socken und Schlappen, und seine Gattin Fortunata (Michal Doron) im silberroten Prachtkleid schlendern entspannt umher. Dann betreten Frauen und Männer in grauen Mänteln und Augenbinden die Szene, begleitet von hämischem Gelächter. Sie nehmen die Binden ab, klammern sich aneinander und wehren sich gleichzeitig: Trimalchios „Hofstaat“, den er beeindrucken will.

Bruno Madernas 1973 in Scheveningen uraufgeführtes Werk stützt sich auf eine Beschreibung der römischen Dekadenz durch den Dichter Petronius. Das Programmheft listet für diese „Gesellschafts-Collage“ wunderbar auf: einen Gastgeber, eine Ehefrau, zwei Sklaven, 58 Flaschen Sekt, 19 Musiknummern, Bücher und Papier… Den Sekt gibt es aus zwei spiegelnden, riesigen Kühlschränken heraus (Bühne: Harald B. Thor), mal gesittet im Glas, mal gierig direkt aus der Flasche. Trimalchio knutscht hingebungsvoll die Frauen ab, seine Gattin, „die Beglückte“ genannt, revanchiert sich bei den Männern. Georg Schmiedleitner lässt das als Orgie mit angezogener Handbremse spielen, es soll ja nachdenklich, aber keinen Skandal machen. In dieser Gesellschaft gibt es Scintilla (Katerina von Bennigsen), ein „Weib ohne Wert“, oder den Geschichtenerzähler Niceros (Bernhard Hansky). Später wird Trimalchio, nun im roten Glitzeranzug, zum Entertainer, der mit Musicaltouch die Vorzüge des Reichtums besingt. Dabei wirft er seinen Freunden Geldscheine zu, die gierig aufgefangen werden, dann aber Würgen auslösen. Dazu geben meckernde Bläser ihre Meinung ab.

Es wird in fünf Sprachen gesprochen und gesungen, manchmal verstummt die Musik, dann wieder erklingen fragende Bläser, tupft das Xylophon kommentierende Akzente zur Handlung. Und Trimalchios Testament wird von der Tuba inmitten der Akteure „verlesen“. Die 15 exzellenten Musiker der Staatskapelle Dresden sitzen sich gegenüber: Bläser und Streicher auf der einen Seite, das Schlagwerk auf der anderen. Pietro Borgonovo leitet die Klang-Collage Madernas (1920 – 1974) mit sicherer Hand und viel Präzision. Schließlich, die Freundesrunde hat sich in goldene Michelin-Männchen verwandelt (Kostüme: Tanja Hofmann), scheint es, als ginge diese Gesellschaft an ihrem Reichtum zugrunde, inbrünstig als „Ekstase der Liebe“ besungen. Das könnte ein Ende sein, doch Stück und Inszenierung schlagen noch eine Volte. Trimalchio stirbt einen blutigen Tod im Kühlschrank, begleitet von einem heiteren Sopran-Abgesang auf den nun im Himmel Weilenden – abgeschlossen von zynischem Gelächter. So endet ein kurzer, aber starker Abend voll geballter sängerischer, musikalischer und darstellerischer Ausdruckskraft.