Mond, Zombiechor, Held (Michael Spyres) und blutige Nonne (Manon Lebègue) - was will man mehr?

Mond, Zombiechor, Held (Michael Spyres) und blutige Nonne (Manon Lebègue) - was will man mehr?

© Foto: Pierre Grosbois
Musiktheaterkritik

Schauerromantik in schwarzen Kacheln

von Regine Müller

Charles Gounod: La Nonne sanglante

Premiere: 02.06.2018
Opéra Comique, Paris

Regie: David Bobée
Musikalische Leitung: Laurence Equilbey
Autor der Vorlage: Matthew Gregory Lewis

Zwölf Opern hat Charles Gounod geschrieben, aber nur zwei von Ihnen sind heute regelmäßig auf den Spielplänen finden: „Faust“ (Margarethe) von 1859 und „Roméo et Juliette“ von 1867. „Besser zwei, als keine“, sagt der britische Musikwissenschaftler Hugh Macdonald, Spezialist für französische Musik des 19. Jahrhunderts, und in Paris als Referent geladen ist zu einem mehrtägigen Kongress, der Gounods Bühnenschaffen verhandelt. Das hochkarätig besetzte Symposium findet in der Opéra Comique statt, in der zeitgleich Gounods zweite Oper „La Nonne Sanglante“ aufgeführt wird. Kongress und Opernproduktion sind wie schon zuvor einige Male eine Frucht der Zusammenarbeit der ehrwürdigen Opéra Comique mit der in Venedig und Paris ansässigen Institution Palazzetto Bru Zane, die sich der Erforschung und Pflege der französischen Musik des 19. Jahrhunderts – mit Ausreißern ins 18. und frühe 20. Jahrhundert – verschrieben hat.

Und dass diese Bemühungen um vergessene Werke des noch immer mit den Vorurteilen der Seichtheit kämpfenden französischen Repertoires der Romantik weit mehr als nur wissenschaftlichen Wert haben, unterstreicht die Ausgrabung von Gounods zweiter Oper „La Nonne Sanglante“ von 1854 mit einer mustergültigen Aufführung eindrucksvoll. Das Werk besitzt musikalisch hohe Qualitäten, auch wenn die Geschichte auf den ersten Blick arg krude scheint, aber eben genau in jene Zeit passt, die vergleichbar schaurige Opern wie Webers „Der Freischütz“, Meyerbeers „Robert le Diable“ und Marschners „Hans Heiling“ hervorbrachte.

Kein Geringerer als Eugène Scribe schrieb das Libretto zu „Die blutende Nonne“, das auf ein Kapitel des beliebten Romans „The Monk“ von Matthew Gregory Lewis zurückgeht, einer klassischen Gothic Novel. Die Handlung ist eine tiefschwarze, nach psychoanalytischen Deutungen geradezu schreiende Variante des Romeo-und-Julia-Stoffs. Rodolphe und Agnès, Sprösslinge verfeindeter Familien, wollen gemeinsam fliehen, weil sie einander nicht heiraten dürfen. Sie soll sich als jene blutende Nonne verkleiden, die einst von ihrem Geliebten ermordet wurde und nun als Gespenst herumspukt. Am vereinbarten Treffpunkt erscheint dann aber nicht die Braut,  sondern die Spukgestalt selbst, die gierig Rodolphes Ring annimmt, der seinen Irrtum viel zu spät bemerkt. Und sie will ihn nur unter der Bedingung freigeben, dass er sie rächt, indem er ihren noch lebenden Mörder tötet. Rodolphe willigt ein, muss aber entdecken, dass dieser Mörder sein eigener Vater ist. Am Ende steht ein Happy-End: Die Nonne und ihr Mörder sind im Jenseits vereint, im Diesseits kriegen sich die Liebenden.

Angeblich war ein Intendantenwechsel an der Pariser Opéra dafür verantwortlich, die bei der Premiere 1854 ungemein erfolgreiche Gruseloper wieder einzukassieren. Auch schien wohl die Kombination von Schauerromantik mit religiösen Motiven nicht mehr zeitgemäß, die in der Tat starker Toback ist, aber durch Abstraktion und psychologische Sorgfalt genießbar wird. Regisseur David Bobée versucht es in Paris mit einem Mittelweg zwischen Abstraktion und klassischen Grusel-Anteilen wie weißen Schleiern, Pyro-Nebel, schummriger Beleuchtung, Zombies in Kutten und fahlem Licht, dass durch gotische Fenster sickert. Sparsam hat Bobée mit Aurélie Lemaignen die Bühne möbliert, Wände und Säulen sind schwarz gekachelt, ab und zu leuchten nüchterne Neonröhren auf, José Gherraks Videos auf der Rückwand zeigen zerfallende Strukturen, Schlieren, Amöbenhaftes. Der Regisseur führt sein Personal schnörkellos, die Chor- und Statisten-Szenen, die meist wüste Handgemenge zeigen, sind souverän choreografiert. Die beiden Hauptfiguren Agnès und Rodolphe präpariert die Regie überzeugend heraus, etwas blass bleibt dagegen die in klischeehaften Gesten stecken bleibende Nonne.

Sängerisch ist der Abend fulminant besetzt, vor allem Michael Spyres in der Monster-Partie des Rodolphe, der nicht nur ununterbrochen auf der Bühne ist, sondern sich auch stets im „ewigen Schnee“ der Spitzenlage aufhalten muss, leistet Außerordentliches. Spyres Tenor ist baritonal grundiert, schwingt sich aber leicht auf und schafft es, selbst in extremen Höhen seine strahlkräftigen Spinto lyrisch zart abzumischen. Auch Vannina Santoni als Agnès glänzt mit leuchtendem Sopran, Marion Lebègue imponiert als Nonne mit kraftvollem Leuchten, viel Applaus erhält Jodie Devos’ koloraturglitzernder Arthur, auch alle weiteren Rollen sind famos besetzt.

Im Graben sorgt Laurence Equilbey mit ihrem historisch informierten Insula Orchestra für höchste Transparenz jenseits falsch verstandener Opulenz, reiche Farben und drängende Dramatik. Gounods schillernde Partitur hat helle Mendelssohn-Momente ebenso wie mächtige Berlioz-Ballungen und flirrende „Lohengrin“-Erinnerungen. Eine hoch spannende Ausgrabung, die neugierig macht auf mehr.