Der Kaiser stammelt dadaistisch: Joanna Dudley in William Kentridges Performance „The Head & The Load“.

Der Kaiser stammelt dadaistisch: Joanna Dudley in William Kentridges Performance „The Head & The Load“.

© Foto: Ursula Kaufmann/Ruhrtriennale 2018.
… und mehr

Eine Klang-Bild-Bewegungs-Eruption

von Detlef Brandenburg

William Kentridge, Philip Miller: The Head & The Load

Premiere: 09.08.2018
Ruhrtriennale, Duisburg
Homepage: https://www.ruhrtriennale.de/de/

Regie: William Kentridge

Gott sei Dank! Es gibt Anlass, wieder über Kunst zu reden in Bezug auf die Ruhrtriennale. Und daran zu erinnern, dass diese vielleicht doch eher im Zentrum des Festivals stehen sollte als der kommunikative Supergau, den die neue Intendantin Stefanie Carp mit ihrer Ein-, Aus-und wieder Einladung der Hip-Hop-Band Young Fathers angerichtet hatte. Die Young Fathers sind durchaus eine Größe im Popgeschäft. Sie sympathisieren allerdings mit der forciert israelkritischen BDS-Bewegung. Was man wissen konnte, seit sie 2017 einem BDS-Aufruf zum Boykott des Berliner Pop Kultur Festivals folgten. Das allein wäre kein Grund gewesen, die Young Fathers nicht zur Ruhrtriennale 2018 einzuladen. Es wäre aber ein Grund gewesen, sich auf die Diskussionen vorzubereiten, die diese Einladung vorhersehbar nach sich ziehen würde. Das hat Stefanie Carp versäumt. Sie hat damit israelische und jüdische Interessenverbände auf den Plan gerufen und den Young Fathers und der BDS (Boycott, Divestment and Sanctions) die Möglichkeit gegeben, die Ruhrtriennale in eine Antisemitismus-Debatte zu verstricken, die diesem Festival und auch seiner Intendantin in keiner Weise gerecht wird.

Gerade hat Felix Klein, Beauftragter der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland, die BDS vor dem Hintergrund der Ruhrtriennale-Einladung im Interview mit der Jüdischen Allgemeinen alsin ihren Handlungen und Zielen antisemitisch“ bezeichnet. Eine Gruppe, die mit diesem BDS sympathisiert, kann man nicht einfach so einladen und sich nichts dabei denken. Bereits im Frühjahr hatten die Young Fathers gegnüber dem musikexpress stolz verkündet, sie hätten mit ihrer BDS-Liebäugelei „eine Diskussion angestoßen“. Wäre die Ruhrtriennale besser vorbereitet gewesen, hätte sie das jetzt auch von sich behaupten und die Diskussion in ihrem Sinne führen können. Jetzt ist sie deren Opfer. Das war hochgradig ungeschickt – mehr aber auch nicht. Es diskreditiert in keiner Weise das ambitionierte künstlerische Programm der neuen Intendantin. Schon deshalb ist es befremdlich, dass Armin Laschet, Ministerpräsident des Landes NRW, dieses Programm nun seinerseits boykottieren will und der Eröffnungspremiere fern blieb. Wir können ihm versichern: Er hat einen großartigen Theaterabend mit einem starken politisch-humanen Appell versäumt.

William Kentridge, geboren 1955 in Johannisburg, stammt aus einer jüdischen Familie, die als Rechtsanwälte schwarze Südafrikaner gegen die Apartheidspolitik ihrer Regierung vertraten. Er selbst ist ein interdisziplinärer Avantgardist, weltberühmt für sein politisch engagiertes, hochartifizielles und dennoch kommunikativ enorm kraftvolles Kunstkonzept. Basis von Kentridges Arbeit ist seine atemberaubend virtuose Zeichenkunst, deren Motive er auf Filme, Plakate, Skulpturen und Gemälde überträgt. Seine Theaterinszenierungen sind vielschichtige multimediale Gesamtkunstwerke – so auch die im Juli in der Londoner Tate Modern uraufgeführte und jetzt zur Eröffnung der Ruhrtriennale in der riesigen Kraftzentrale des Landschaftsparks Duisburg Nord gezeigte Performance „The Head & The Load“. Kentridge blättert ein vergessenes afrikanisches Kapitel des Ersten Weltkriegs auf. Da die europäischen Staaten seit der sogenannten Berlin Conference (auf deutsch meist: Kongo Konferenz) 1884 den afrikanischen Kontinent unter sich aufgeteilt hatten, entbrannte der Weltkrieg auch in diesen Kolonien. Und die Kolonialherren spannten die afrikanische Bevölkerung als sogenannte Carrier in ihre Kriegslogistik ein: als „Träger“, die Kriegswaffen und -material unter unsäglichen Strapazen und Verlusten an die jeweilige Front zu transportieren hatten. Zigtausende Afrikaner und Afrikanerinnen starben dabei. Und sind bis heute vergessen.

Kentridge und sein Komponist Philip Miller beschreiben das natürlich nicht als brav kolportierende Historien-Oper. Sie stellen die Ereignisse viel mehr als einen Clash zweier Kulturen dar, bei der gegenseitige Missverständnisse und kolonialherrliche Überheblichkeit eine Katastrophe von geradezu dadaistischer Sinnverwirrung auslösten. Millers Soundtrack, unter der Leitung seines Co-Komponisten Thuthuka Sibisi live gespielt von dem großartigen Instrumentalensemble The Knights sowie einem hinreißenden multinationalen Vokalensemble und unterlegt mit allerhand Live-Elektronik, arbeitet mit Allusionen und direkten Zitaten sowohl afrikanischer wie auch europäischer Musik. Er verschneidet diese Stile aber so ineinander, dass sie gleichsam aneinander zerbrechen und dann bisweilen in einem klangvoll die Sinne verwirrenden Wirrwarr kollabieren. Ähnlich geht Kentridge mit der Sprache um: Französisch, englisch, afrikanische Dialekte schießen gleichsam einander und münden in eine Lautpoesie, die manchmal an Kurt Schwitters „Ursonate“ oder andere Dada-Lautpoesien erinnert. Man hört wunderbare, madrigalähnliche Chorsätze, der Kora-Spieler N'fali Kouyaté bezaubert mit exotisch schwebenden Vokalisen, die Vokalistin Joanna Dudley zerlegt eine Ansprache des Kaisers (?) in atemberaubend bizarre Konsonant-Zerklüftungen, die Knights und der Chor swingen, jazzen, schwelgen in Salon-Schmelz oder hektisieren rasant-motorisch auf den Spuren von Strawinsky, Hindemith oder Kurt Weill.

Und dann die Bildwelt dieses Abends. Auf einer irrwitzig breiten Bühne von Sabine Theunissen ereignet sich auf einem halbtransparenten Hintergrund-Prospekt eine Prozession der Schattenspiele: Träger, mit irrwitzigen Lasten beladen, im typischen Stil der Kentridge-Zeichnungen. Das wird überblendet durch Video-Projektionen auf eben diesem Prospekt, davor toben szenische Aktionen: überbordend vielschichtig auf vollkommen sinneverwirrende Weise. Als eine Art Conférencier gibt Mncedisi Shabangu dem Abend Struktur, er löst die seltsamen Bewegungschoreographien (von Gregory Maqoma) aus, in denen fahrende Wachtürme, ein aufklappbares Mini-Zimmerchen, ein Riesenmegaphon und ein seltsamer Antennenturm als (Kentridge-typische) Versatzstücke fungieren, die aber vor allem von der enormen körperlichen Präsenz der Performer, Sänger und Tänzer (Kostüme: Greta Goris) getragen werden. Diese Bilder sind bannend, ihr szenisch-rhythmischer Drive ist mitreißend. Was genau man allerdings sieht – das sagt sich nicht leicht, weil einem oft einfach die Bedeutungsebene fehlt.

Wo dem Zuschauer zufällige Kenntnisse zum Thema helfen, erkennt man, dass diese auf den ersten Blick so rätselhafte Bildlichkeit durchaus ihre präzisen Bedeutungsaspekte hat. Aber da Kentridge ja von einem in Europa vergessenen Kapitel des Kriegs erzählt, kann er auf solche Kenntnisse schwerlich zählen. Und diese Rätselhaftigkeit eines Abends, dessen Vielschichtigkeit die Zuschauer ohnehin permanent überfordert, ist schon ein Problem. Manchmal versteht man tatsächlich nur noch Dada. Und da ist es auch schade, dass die Ruhrtriennale einen damit weitgehend allein lässt. Man erlebt so viele spannende Aktions- und Klangerlebnisse und würde manchmal gern genauer wissen, woher das Material kommt: die Musik, die Texte, die bildlichen Anspielungen. Da könnte eine Art Textbuch mit Erläuterungen helfen. Und da das Stück keine personalen Rollenzuschreibungen kennt, weiß man auch nicht, wer eigentlich die tollen Schauspieler, Vokalisten, Instrumentalisten sind. Da wäre ein Programmheft mit Szenenfotos und den Namen dazu eine wunderbare Hilfe. Das magere Programm-Faltblatt oder die Einführung, die man vor der Vorstellung bekommt, helfen da nicht wirklich. Die Zuschauer haben den Abend mit Standing Ovations gefeiert. So aber wird das mit der Begeisterung ganz gewiss auch erwachte Interesse gleich wieder verspielt – und eine Chance zur Heilung des Vergessens verschenkt.