Chris Dercon

Chris Dercon

© Foto: Thomas Jauk / Stage Picture
Zwischenruf

Zum sofortigen Rücktritt von Chris Dercon

von Detlef Brandenburg
Der Intendant der Berliner Volksbühne Chris Dercon und Berlins Kultursenator Klaus Lederer haben sich „einvernehmlich“ auf Dercons sofortigen Rücktritt verständigt. Ein Kommentar.

 

Nein, dieser Rücktritt kommt weder plötzlich noch unerwartet. Das zwischen Chris Dercon und dem Berliner Kultursenator Klaus Lederer verabredete sofortige Aus für den Intendanten der Berliner Volksbühne – es wurde laut Lederers Erklärung einvernehmlich vereinbart – ist das konsequente Ende einer Vorgeschichte von quälender Peinlichkeit, die alle Beteiligten beschädigt hat. Lederers Vorgänger Tim Renner hat den Leitungswechsel an der Volksbühne miserabel vorbereitet und Dercon miserabel ausgewählt. Schon das Aus für Dercons Vorgänger Frank Castorf hatte Renner bemerkenswert stillos zelebriert. Seine Wahl Dercons folge keiner Strategie, sondern einer modischen Attitüde: Es sollte halt jetzt mal was ganz Neues sein, trendy und international und crossover und multimedial und so. Diese Attitüde setzte sich erschreckend nassforsch über die nun weiß Gott theatergeschichtlich, ja, vor dem Hintergrund der Berliner Ost-West-Tradition sogar nationalgeschichtlich hochbedeutsame Tradition der Volksbühne hinweg. Dass Renner seine Entscheidung für Dercon in der Öffentlichkeit dann auch noch miserabel begründete, war nicht nur, wie oft bemängelt, ein Kommunikationsversagen, sondern unmittelbarer Ausdruck dieser Konzeptionslosigkeit.

Vor diesem Hintergrund war es nur zu verständlich, dass Renners Nachfolger Lederer über Dercon alles andere als glücklich war. Dass er das öffentlich so deutlich zu erkennen gab, dagegen nicht. Es wäre kraft seines Amtes seine Aufgabe gewesen, Dercon zu unterstützen und zu schützen. Was aber vermutlich auch nichts geholfen hätte. Denn am Ende tat Dercon seinerseits alles, um genau die Fehler, die ihm seine Gegner bereits vorab unterstellt hatten, in der Praxis dann auch wirklich zu begehen. Wahr ist, dass sich sein Start in einer extrem polarisierten und polemisierten Atmosphäre vollzog. Wahr ist aber auch, dass am Ende selbst Kritiker, die sich zunächst geweigert hatten, ihn vorab zu verurteilen (so auch die mit dem Fall befassten Autoren der DEUTSCHEN BÜHNE), am Ende vernichtende Rezensionen schrieben. Und drum herum summten die Gerüchte und Durchstechereien um interne Querelen am Haus in allen Abteilungen. Dieser Start war ein Desaster.

Und Dercons Aus ist ein Desaster auch für die Berliner Kulturpolitik. Es ist im Prinzip ähnlich wie bei Matthias Lilienthal in München, nur schlimmer. Erst holt man eine profilierte Künstlerpersönlichkeit. Und dann ist man hanebüchen erschrocken, dass diese Persönlichkeit genau das tut, was ihrem Profil nach zu erwarten war. Die Berliner Kulturpolitik hat sich in erschreckend unbedarfter Weise über die Tradition eines Hauses hinweggesetzt, das für die Ost-West-Gegensätze dieser so lange (manche sagen: immer noch) geteilten Stadt steht wie kein zweites. Frank Castorf, das ist schon jetzt seine imposante Lebensleistung, hatte es fertig gebracht, die Auseinandersetzung mit diesem Thema zum Profil seines Hauses zu machen und dabei auch noch künstlerisch an vorderster Front Theatergeschichte zu schreiben. Für ein so geprägtes Haus einen Nachfolger zu finden: Das ist eine gewaltige Aufgabe. Castorf aus diesem Haus komplimentiert zu haben, bevor diese gewaltige Aufgabe gelöst war: Das war ein Totalversagen der Berliner Kulturpolitik unter Tim Renner.