Dagmar Manzel beim Cover-Foto-Shooting für die Deutsche Bühne

Dagmar Manzel beim Cover-Foto-Shooting für die Deutsche Bühne

© Foto: Tobias Kruse
Leseprobe

Zusammen seid ihr stark

von Detlef Brandenburg

Zusammen seid ihr stark

Mehr dazu im Januarheft der DEUTSCHEN BÜHNE

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  • Beispiele aus der Praxis: Wie spartenübergreifendes Arbeiten funktioniert – und wo es an Grenzen stößt

Dagmar Manzel ist ein große Schauspielerin, eine begnadete Operettendiva und eine hingebungsvolle Interpretin zeitgenössischer Musik. Aus solchen Kontrasten bezieht sie ihre künstlerische Energie – und hat eine Menge Spaß dabei

Frau Manzel, als Sie auf Ihrem Lebensweg die Abzweigung zum Musiktheater genommen haben, hatten Sie doch eigentlich schon eine eindrucksvolle Karriere als Theater- und Filmschauspielerin hinter sich: Studium an der „Ernst Busch“, danach ans Staatsschauspiel Dresden, von 1983 bis 2001 Deutsches Theater Berlin…
Dagmar Manzel: Na, die Hochschule, die hieß damals ja noch nicht „Ernst Busch“. Als ich meinen Abschluss gemacht habe, da war das noch die Fachschule für Schauspiel. Und ich war damit Facharbeiterin für Schauspielkunst. Ich fand das eigentlich auch ganz schön, denn als Facharbeiterin im besten Sinne habe ich mich immer gefühlt. Und am Deutschen Theater, da konnte ich dann wirklich tolle Rollen mit großartigen Kollegen spielen. Die Ausbildung und die Bühnenerfahrung – ja, das ist mein Fundament.

Wie sind Sie ans Musiktheater geraten?
Dagmar Manzel: 1992 hat Niels-Peter Rudolph an den Kammerspielen des Deutschen Theaters Carl Sternheims „Nebbich“ inszeniert. Da spielte ich die Opernsängerin Rita Marchetti. Und die hat einige Arien zu singen, die normalerweise über Band eingespielt wurden. Aber der damalige Musikalische Leiter des Deutschen Theaters, Uwe Hilprecht, der meinte eines Tages zu mir: „Na, wir können ja mal ’n paar Sachen versuchen, dass du die singst…“ Und am Ende sagte er: „Na, eigentlich kannste doch gleich alles singen…“ Ich habe also Unterricht genommen und das gesungen – und dann saß in der Vorstellung Jochen Kowalski, der eine große internationalen Karriere als Countertenor hatte. Und als ich bei der Rosenüberreichung vor lauter Aufregung statt „Ich überreiche Ihnen die silberne Rose“ sagte: „Ich überreiche Ihnen die rosane Silbe“ – er bekam so einen furchtbaren Lachkrampf, kam nach der Vorstellung zu mir und sagte zu mir: „Du musst singen! Mach einen eigenen Liederabend!“ Dann habe ich drei Jahre lang an diesem Liederabend gearbeitet, habe mir mein Programm zusammengesucht. Und in der Premiere saß als designierter Intendant des Deutschen Theaters Bernd Wilms, und der sprach mich danach an, ob ich nicht die Titelrolle in Thomas Schulte-Michels Inszenierung der „Großherzogin von Gerolstein“ übernehmen wollte. Und die hat Andreas Homoki, damals Intendant der Komischen Oper Berlin, gesehen und gesagt: „Du musst an die Komische kommen!“ Ich konnte kein Instrument, keine Noten lesen und nicht vom Blatt singen, aber Homoki bot mir die Mrs. Lovett aus dem Musical „Sweeney Todd“ an. Und dann kam Barrie Kosky in die Vorstellung, und das war sofort eine solche Vertrautheit, wir haben uns einfach gefunden. Und dann kam meine erste Produktion mit ihm: „Kiss Me, Kate“.

Sie singen zwar nicht wie eine Opern­sängerin, aber Sie gehen mit Ihrem Material und Ihren vokalen Möglich­keiten ähnlich professionell um.
Dagmar Manzel: Ich habe ja auch seit über 15 Jahren Gesangsunterricht. Mein Gesangslehrer Günther Giese, er ist Chorsänger an der Deutschen Staatsoper Unter den Linden, hat meine Stimme wirklich im klassischen Sinne ausgebildet. Und das Tolle war, dass ich die Singstimme ausbilden konnte, ohne meine Schauspielstimme, also meine Sprechstimme, zu verlieren. Deswegen kann ich diese Brüche in meine Partien bringen, also dieses krasse Umswitchen zwischen gestützter hoher Singstimme und der rauen dunklen Berliner-Schnauzen-Stimme. Das ist das, was die Leute so lieben, wenn ich Operette mache. Die Fähigkeit zum Kontrast ist mir mit meiner besonderen Stimme irgendwie zugefallen.

Das heißt: Es gehört hohe Professionalität dazu, wenn man so zwischen den Sparten springen will wie Sie?
Dagmar Manzel: Egal, was man macht: Es ist immer ein hohes Maß an Disziplin gefragt. Allein schon aus Demut vor der Aufgabe. Ich gehe vor jeder Vorstellung zu meinem Gesangslehrer, immer! Und ich muss auch diszipliniert sein, sonst könnte ich diesen meinen Traum nicht leben. Anfangs habe ich das alles nach Gehör gemacht: Einer hat’s mir vorgespielt, und ich musste mir das merken. Aber dann wollte ich das richtig können. Als ich als Großherzogin von Gerolstein auf der Bühne stand, da war das mit Schauspielern. Aber ich wollte weiter, ich wollte mit Sängern arbeiten– und habe immer gedacht, dass es keine Bühne für mich gibt. Opernsängerin bin ich ja nicht, ich kann nicht einfach die großen Opernarien singen. Ich dachte: Ach, ich bin so was dazwischen. Und dann kam Barrie Kosky! Und mit ihm wurde die Komische Oper die Bühne für genau das, was ich kann!

Warum nehmen Sie diese Fleißarbeit auf sich?
Dagmar Manzel: Musik zu machen war immer meine Sehnsucht. Diese Operetten von Offenbach, Oscar Straus, Paul Abraham, die Lieder von Werner Richard Heymann oder Friedrich Hollaender, das erfüllt mich! Und als ich jetzt mit Helmut Oehring und dem Ensemble Modern „Agota?“ machen konnte, das war für mich noch mal eine neue Welt: so ein Erlebnis! Mit solchen Orchestern zu arbeiten, das ist einfach ein Traum. Und Träume erfüllen sich nicht einfach so. Man muss etwas dafür tun. Etwas Begabung, etwas Glück und 90 Prozent Disziplin und Fleiß. So werden Träume wahr. (schmunzelt) Du hast den Text, du hast die Noten, die musst du singen können, der Einsatz muss pünktlich kommen, du hast die Szene, die Kollegen… Da kommt einiges zusammen. Und was mir dabei ganz, ganz wichtig ist: Ich will mir trotz alledem eine Freiheit schaffen, eine Freiheit, um improvisieren zu können. Das liebe ich! Das ist für mich Glückseligkeit. Aber das geht nur, wenn man gut vorbereitet ist. Man muss es richtig gut draufhaben, um wirklich frei sein zu können. Dann kann ich an einer Rolle immer weiter arbeiten, was ausprobieren, was riskieren… Jeden Abend das exakt Gleiche machen? Das finde ich todlangweilig. Aber wenn das dann anfängt, so frei zu werden, dass man denkt: Ah, jetzt passiert irgendwas, jetzt fange ich an zu fliegen – dann wird’s spannend. Und dafür gehe ich auf die Bühne!

Sie beschreiben eine Mischung aus Verspieltheit und Strenge. Das haben wir in Deutschland vielleicht auch ein bisschen verlernt, weil uns dieser leicht-füßige Wechsel zwischen den verschiedenen Sparten abhandengekommen ist.
Dagmar Manzel: Ich habe jetzt gerade eine Dokumentation über Blandine Ebinger gesehen, für die ja Friedrich Hollaender viele seiner frühen Lieder geschrieben hat. Da wurden auch Künstler dieser Zeit interviewt, Curt Bois, Walter Mehring… Und die haben erzählt: „Hey, in den Zwanzigerjahren, da war das so: Du hast im Deutschen Theater gespielt, und dann biste ins ,Schall und Rauch‘ gegangen und hast da einen Kabarettabend gemacht. Und um Mitternacht hast du irgendwo im Nachtclub noch ein paar Lieder gesungen.“ Die sind da permanent hin und her gesprungen zwischen den Genres. Die konnten singen, die konnten tanzen, Conférence, Musical, Operette, Komödie – und sie konnten natürlich auch großes Drama spielen! Das ist uns wirklich so vollkommen verloren gegangen! Und das finde ich hier an der Komischen Oper das Tolle: Auf der einen Seite wird hier richtig große Oper gemacht, mit Opernsängern und allem, was dazugehört. Aber auf der anderen Seite baut Barrie Kosky hier ein immer größeres Ensemble für dieses „Dazwischen“ auf, aus Sängern und Schauspielern, die wieder Spaß daran haben, beides zu können. Und zwar, um genau das wiederzubeleben, was in den Zwanzigerjahren gang und gäbe war.

Nehmen Sie was mit von der Cleopatra, wenn Sie dann am Deutschen Theater wieder „Glückliche Tage“ spielen? Oder sind das zwei Welten?
Dagmar Manzel: Zunächst mal sind das schon zwei Welten. Absolut. Und Film, das wäre die dritte Welt. Und die zeitgenössische Musik, wie ich sie jetzt bei „Agota?“ kennengelernt habe, das ist noch mal was ganz anderes. Aber genau in diesen Kontrasten liegt die Bereicherung. Wenn ich jetzt „Glückliche Tage“ spiele oder auch Lot Vekemans’ „Gift“, das ist für mich wie eine Reinigung. Da komme ich an die Wurzeln meines Berufes und meiner selbst zurück. Das erdet mich total, das ist ganz, ganz wichtig. Und genau so wichtig ist, wenn ich daran denke: Ach, und in ein paar Tagen singst du wieder die Cleopatra. Das ist fulminant, diese vielen Menschen, das große Orchester, Tanz, tolle Kollegen, der Saal tobt, die Leute rasten aus…

Ist das auch wichtig für Sie: dass Sie mit dem Singen und Tanzen noch mal eine neue Wellenlänge gefunden haben, auf der Sie das Publikum erreichen?
Dagmar Manzel: Ich brauche das Publikum, oh ja. Das ist das andere Extrem zum Drehen beim Film, das ist ein sehr intimer, ein eigentlich ganz unthea­traler Vorgang. Das liebe ich aber auch sehr. Ich spüre einfach die Lust, die Energie, so viele ganz unterschiedliche Sachen zu machen.

„Die Perlen der Cleopatra“, auch Brecht/Weills Ballett mit Gesang „Die sieben Todsünden“, selbst „Agota?“ – all das sind ja schon in sich hybride Kunstformen. Das scheint Ihnen zu liegen. Vielleicht sind solche Promenadenmischungen ja viel schlauer, vitaler als die reinrassigen Kunstgeschöpfe, wo alles nach den Gesetzen einer einzigen Sparte abläuft.
Dagmar Manzel: Das ist ja die These von Barrie Kosky. Er glaubt nicht an diese Schubladen: das E und das U, das Leichte und das Schwere… Nein – er macht an der Komischen Oper Operette, er macht Barockopern, er macht „Moses und Aron“. Selbst wenn man seine Wagner-Inszenierungen sieht, seine Arbeit in Bayreuth, wie spielerisch er da mit den Sängern arbeitet: Das fließt ineinander, das befruchtet sich gegenseitig. Man weiß doch seit Shakespeares Zeiten, dass Tragödie und Komödie ganz eng ineinander verwurzelt sind, oder? Aber manchmal kriege ich dann so ein bisschen missbilligend zu hören: „Ach, machste jetzt Operette, was?!“ Und ich denke dann: „Hallo?! Hallo?! Das gehört doch alles zusammen!“ Gute Operette ist in mancher Hinsicht viel schwerer als Oper, weil es in der Oper ja die großen Arien gibt, die tolle Musik, das ist erst mal ’ne Basis, die trägt einen. In der Operette ist alles viel offener, deshalb kannst du da aber auch viel mehr versemmeln.

Sie sind jemand, der sich total verausgabt für die Sache, die er macht. Aber ich bilde mir ein, dass es bei Ihnen manchmal auch Momente von leicht cooler, ironischer Distanz zu sich selbst gibt. Oder täuscht das?
Dagmar Manzel: Nee, das täuscht nicht. Es ist schon so: Ich nehme mich selber nicht so furchtbar wichtig. Die Sache selbst nehme ich schon sehr ernst, wenn ich auf der Bühne stehe, und meine Arbeit, na klar. Aber es geht nicht um mich dabei, es geht um die Rolle. Und deswegen kann ich mich schon auch manchmal über mich selber scheckig lachen.

Das ist ja für die Operette ideal, weil die sich ja oft auch selber nicht so ganz ernst nimmt.
Dagmar Manzel: Absolut! Zum Beispiel diese Katze der Cleopatra: Die gibt’s ja im Original nicht. Aber wenn ich so eine Figur spiele, dann brauche ich irgendwas, womit ich mich selber dabei auf die Schippe nehmen kann. So sind wir auf diese sprechende Katze gekommen, die mir unter die Nase reibt, dass ich doch eigentlich viel zu alt bin für die Cleopatra. Es hat eine Ironie, es hat eine Melancholie, aber es ist nie sentimental. Sentimentalität in der Operette wäre für mich ein No-Go! Sich an sich selbst zu weiden, wie toll man doch ist – nein! Das wäre für mich unerträglich!

Sich nicht in Schubladen stecken zu lassen – da entspricht Ihre künstlerische Haltung auch Ihrer Lebenshaltung, oder? Sie haben sich ja immer wieder neu orientiert, sind immer wieder ausgebrochen. Eingetreten in die SED und wieder ausgetreten. Sie waren mal in der katholischen Kirche und haben sie wieder verlassen…
Dagmar Manzel: Na ja, ich bin, glaube ich, schon ein sehr neugieriger Mensch. Und als ich in der SED war, da war ich ja noch ein ganz junges Mädchen…

…und beim Austritt mussten Sie mit Konsequenzen rechnen.
Dagmar Manzel: Ich habe das in Kauf genommen. Ich habe auch meinen Glauben gelebt, und das tue ich noch heute, obwohl ich nicht mehr in der Kirche bin. Im Leben macht man etliche Fehler, aber Fehler sind dazu da, dass man aus ihnen lernt. Ich konnte mich nie verbiegen, und wenn ich gemerkt habe, dass mir was nicht guttut, dann bin ich einen anderen Weg gegangen. Jetzt bin ich in der wunderbaren Position, dass ich mir die Sachen aussuchen kann. Das gibt mir eine gewisse Souveränität. Ich habe keinen Druck mehr. Natürlich, wenn ich auf der Bühne stehe, dann habe ich den Druck, dass ich das auch richtig gut machen möchte. Wenn ich „Glückliche Tage“ spiele, bin ich schon drei Tage vorher kein Mensch mehr. Auch wenn ich hier an der Komischen Oper einen großen Auftritt habe, ist da der Druck: Bin ich fit, ist die Stimme da? Deshalb kann ich mich auch immer noch so freuen, wenn die Vorstellung wirklich gut war und die Leute glücklich sind. Ich bin so dankbar, dass ich die Chance habe, sozusagen als Medium das alles weiterzugeben. Aber man darf sich dabei nicht über die Sache stellen! Eitelkeit hat in diesem Beruf einfach nichts zu suchen. Und wenn dann Leute zu mir kommen und mich persönlich so mit diesem Erfolg identifizieren – dann bin ich manchmal regelrecht befremdet. Ja – das bin natürlich ich auf der Bühne, das ist ganz, ganz viel von mir, sonst könnte ich es nicht spielen. Aber ich bin’s doch auch wieder nicht? Wenn ich dann nach Hause fahre, dann setze ich mich in den Garten und kümmere mich um meine Blume.

…da sind die Blumen der Star?
Dagmar Manzel: Ja, ich rede auch mit denen. Die vergehen, wie auch wir vergehen. Ich werde nächstes Jahr 60, ich freue mich darüber! Und ich muss auch immer was mit den Händen machen, ich brauche körperliche Arbeit: sägen, hämmern, graben, pflanzen – und dann möchte ich aber doch wieder lesen, na klar. Ich brauche das alles, damit ich mich des Lebens freuen kann. Klar habe ich auch meine Abstürze, Tage, wo ich denke: Ich kann’s nicht mehr, ich will’s nicht mehr, ist mir alles zu viel?… Aber wenn es anfängt, eine Qual zu werden, dann sollte man es lassen. Ich klammere nicht. Wenn das eine nicht mehr geht, dann kommt was anderes.

Was könnte denn dann kommen?
Dagmar Manzel: Ach, ich würde so gerne mal mit Kindern arbeiten. Regie vielleicht: ein Musiktheaterprojekt von Kindern für Kinder – ich glaube, das würde mir einen Riesenspaß machen.

Hier in der Komischen Oper gibt es doch eine sehr gute Kinderopernsparte…
Dagmar Manzel: Ich mache mein Regiedebüt bestimmt nicht an einem großen Haus. Dafür habe ich viel zu viel Respekt vor der Leistung von Regisseuren und Regisseurinnen. Und erst mal habe ich auch noch andere Sachen. Ich mache wieder zeitgenössische Oper mit Helmut Oehring, ein Projekt über Käthe Kollwitz und Bach – ich verehre Käthe Kollwitz sehr, darauf freue ich mich jetzt schon! Mit Kindern Musiktheater zu machen – das ist so ein Traum von mir. Warten wir’s mal ab. Nicht alle Träume müssen auch in Erfüllung gehen…