Die Klassiker Goethe und Schiller vor dem Deutschen Nationaltheater Weimar

Die Klassiker Goethe und Schiller vor dem Deutschen Nationaltheater Weimar

© Foto: Thomas Mu?ller
Leseprobe

Wie international ist deutsches Theater?

Kultur ist Vermischung – so konstatiuert es der Direktor des Instituts für Theaterwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München. Ein Gastbeitrag.

Mehr zur Frage “Wie international ist Deutsches Theater?” im Dezember-Heft von DIE DEUTSCHE BÜHNE:

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  • Internationale Stimmen aus dem Deutschen Nationaltheater Weimar
  • Wie international ist Goethes „Faust“? Inszenierungen in Chemnitz, Halle und Leipzig
  • „Außereuropäisches Theater“ am Theater Krefeld Mönchengladbach

Wenn ich das bekannte Theaterstück „Des Teufels General“ von Carl Zuckmayer google, dann erscheint bei mir an erster Stelle nicht die Inhaltsangabe oder eine Interpretation des Stücks, sondern der Begriff „Völkermühle Europas“. An erster Stelle findet sich ein Wikipedia-Eintrag, der diese wie folgt erklärt: „…?eine Metapher, die auf den Schriftsteller Carl Zuckmayer zurückgeht (…). Dies bezieht sich darauf, dass die Rheinlande im Laufe der Geschichte immer wieder Drehscheibe, Durchzugsgebiet und Handelsroute vieler verschiedener Völker waren“. In einer berühmten „Rede von der Völkermühle“ lässt Zuckmayer die Figur des Luftwaffengenerals Harras dem Fliegerleutnant Hartmann, dessen Verlobte wegen seines fehlenden Ariernachweises die Verlobung gelöst hat, erklären, welche Genealogie eine „reine“ rheinische Familie aufweise:

„Und jetzt stellen Sie sich doch mal Ihre Ahnenreihe vor – seit Christi Geburt. Da war ein römischer Feldhauptmann, ein schwarzer Kerl, braun wie ne reife Olive, der hat einem blonden Mädchen Latein beigebracht. Und dann kam ein jüdischer Gewürzhändler in die Familie, das war ein ernster Mensch, der ist noch vor der Heirat Christ geworden und hat die katholische Haustradition begründet. – Und dann kam ein griechischer Arzt dazu, oder ein keltischer Legionär, ein Graubündner Landsknecht, ein schwedischer Reiter, ein Soldat Napoleons, ein desertierter Kosak?[…] und der Goethe, der kam aus demselben Topf, und der Beethoven und der Gutenberg, und der Matthias Grünewald, und – ach was, schau im Lexikon nach. Es waren die Besten, mein Lieber! Die Besten der Welt! Und warum? Weil sich die Völker dort vermischt haben. Vermischt – wie die Wasser aus Quellen und Bächen und Flüssen, damit sie zu einem großen, lebendigen Strom zusammenrinnen. Vom Rhein – das heißt: vom Abendland. Das ist natürlicher Adel. Das ist Rasse. Seien Sie stolz darauf, Hartmann – und hängen Sie die Papiere Ihrer Großmutter in den Abtritt. Prost.“

Der Begriff „Völkermühle Europas“ hat Zuckmayers Stück selbst von der ersten Stelle der Google-Liste verdrängt; nicht nur, weil es inzwischen ein geflügeltes Wort geworden ist, sondern weil die Rede gleichsam ein literarisches Zeugnis für eine Vielzahl von Kulturtheorien liefert. Die manchmal sperrigen Begriffe „Hybridität“ oder „Synkretismus“ erfahren gleichsam eine plastische Demonstration. Diese Rede hat inzwischen Eingang gefunden in kulturwissenschaftliche Studien und Einführungen. Bei aller Freude über den vielfältigen Stammbaum vergisst man gelegentlich die Schlusspointe, dass nämlich alles im Abendland zusammenfließt: „Das ist natürlicher Adel. Das ist Rasse.“ Das Ziel der Rede im Jahr 1947, als das Stück uraufgeführt wurde, war die Rassen-ideologie der Nazis, die zwei Jahre nach Kriegsende in den Köpfen der Zuschauer noch gut in Erinnerung war. Auch wenn man heute die Zuspitzung auf das „Abendland“ etwas kritischer sehen würde, bleibt die Hauptargumentation bestehen: nämlich dass eine kulturelle Kategorie jeder Form ethnisch-rassischen Nationalismus vorzuziehen sei. Zuckmayers Argument könnte genauso für die Donau gemacht werden, die als ein großer, verschiedene Länder verbindender Fluss die gleiche völkerverbindende und -vermischende Funktion hat.

Die Völkermühle Europas

Heute sind es weniger die Flüsse als die großen Städte, die die Funktion einer Völkermühle übernommen haben. In seiner Rede überblickt Harras etwa 2000 Jahre Geschichte, in der sich der Rheinländer vom schwarzen römischen Feldhauptmann zu Beethoven entwickelte. Heute wird der Vermischungs- beziehungsweise – um bei Zuckmayers Metapher zu bleiben – Gärungsprozess in den Großstädten beschleunigt. Dauert Kompostierung – um die Metapher nochmals zu variieren – bei einem offenen Haufen ein bis zwei Jahre, kann der Prozess mit einem Thermo-Komposter von Neudorff auf zwei bis drei Monate reduziert werden. Die Großstädte sind die heutigen Thermo-Kompostierungsanlagen der Kulturvermischung.

Für die gegenwärtigen Debatten ist dieser Befund insofern von Bedeutung, als die jüngsten Umfragen (Integrationsbarometer 2018) eindeutig belegen, dass Angst vor Migration in den Großstädten, wo es tagtäglich zu Kontakten zwischen verschiedenen Kulturen kommt (sei es der sprichwörtliche türkische Gemüsehändler oder der „Vietnamese“ um die Ecke) weniger ausgeprägt ist. Paradoxerweise sind die höchsten Vorbehalte, wenn nicht gar Ängste, in ländlichen ostdeutschen Regionen mit geringer Bevölkerungsdichte verzeichnet. Anders gesagt: Angst vor Kulturvermischung ist eine Frage der Wahrnehmung und nicht der gelebten Erfahrung.

Wenn Kultur Vermischung ist, wie der Titel dieses Aufsatzes apodiktisch konstatiert, und dieser Befund radikal anders wahrgenommen und bewertet wird, je nachdem ob man in einer Großstadt oder einer ländlichen Region lebt, dann, so ließe sich schlussfolgern, scheint Arbeit an der Wahrnehmung dringend notwendig. Dies ist nicht leicht, weil durch Erziehung, Schulbildung und Umwelt die Idee eines auf einer Nation basierenden Ethno-Staates propagiert wird. Im Kampf der Metaphern ist die ethnosprachliche Nation immer noch die stärkste und erfolgreichste. Der Kulturanthropologe Benedict Anderson hat vor fast vierzig Jahren den Begriff der imagined community geprägt, um die Erfolgsgeschichte des europäischen Nationalismus zu beschreiben; eine Ideologie, die sich als globaler Exportartikel erster Güte erwies. Wie kann es gelingen, fragt Anderson, dass Menschen, die sich nie kennen lernen werden und sogar Tausende von Kilometern entfernt voneinander leben, sich als der Gemeinschaft einer (bestimmten) Nation zugehörig empfinden? Seine Antworten: Erstens wurden die Bauteile dieser Ideologie in modularisierter Form geliefert und ließen sich überall passgenau zusammensetzen. Zweitens verbreitete das Aufkommen der Medien die nötigen, meist erfundenen Mythen, auf die jede Volksgemeinschaft gründen muss. Hinzu kommt die Fest­legung einer meist normierten, von dialektalen Färbungen gereinigten Sprache, die den Zweck erfüllte, politische Grenzen zu definieren und notfalls zu erweitern (der sogenannte Irredentismus: Da, wo deutsch gesprochen wird, ist auch Deutschland beziehungsweise Südtirol). Die zentrale Metapher des Nationalstaats ist Reinheit, die auf Sprache, Ethnizität (Blut) und Territorium gleichermaßen bezogen wird.

The True-Born Englishman

150 Jahre vor Zuckmayer, nämlich 1701, veröffentlichte der englische Autor Daniel Defoe ein satirisches Gedicht mit dem ironischen Titel „The True-Born Englishman“, das als Motto für Andersons Buch dient. Dort heißt es: „Thus from a mixture of all kinds began/That het’rogeneous thing, an Englishman:“ Der „waschechte“ Engländer sei so geworden durch serielle Vergewaltigungen („eager rapes and fu­rious lust“) zwischen Pikten, Römern, Sachsen und Normannen, die schließlich in „the well-extracted blood of Englishmen“ mündeten. Der Hintergrund von Defoes Gedichts waren xenophobische Angriffe gegen den neuen König Wilhelm von Oranien (einen Holländer). Bemerkenswert ist die Konstanz zwischen der Xenophobie des späten 17. Jahrhunderts, den mörderischen Exzessen des Ethno-Nationalismus der Nazis, der Serben in Bosnien und den heutigen Ausprägungen unter Populisten jedweder Prägung (Front National, Pegida, AfD, PIS usw.).

Wenn jedoch Vermischung die Norm ist (vgl. Defoe und Zuckmayer), wie kommt es, dass das Offensichtliche so beständig und mühelos in das Gegenteil gedreht werden kann? Obwohl Anderson sehr überzeugend die transnationalen Mechanismen beschreibt und sich – als Ethnologe mit Schwerpunkt auf Südostasien – der kulturellen Heterogenität der Territorien bewusst ist, bietet er keine Antwort auf die Frage der scheinbar überzeitlich virulenten Wirksamkeit xenophober Regungen, die mit Ethno-Nationalismus einhergehen. Historiker wissen, dass sich fremdenfeindlicher Populismus (im Grunde eine Tautologie) auf jeden Fall bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen lässt und (wie das Defoe-Beispiel zeigt) eigentlich noch weiter.

Eine mögliche Antwort auf die Frage, wie die Norm der Kulturvermischung als Abweichung oder Abirrung umgewertet wird, liefert die kognitive Psychologie, die seit dem Brexit und Trumps Überraschungssieg nicht nur in Fachkreisen, sondern auch in Talkshows zu Rate gezogen wird, um Antworten auf das Unvorstellbare zu liefern. Warum wählen Menschen eine Politik, die scheinbar gegen ihre wirtschaftlichen Interessen (Brexit) und sogar tief verwurzelte ethisch-moralische Standards (Trumps Affären und „grab ’em by the pussy“-Äußerungen) verstößt. Eine Antwort lautet: weil es eine kognitiv-affektive Ebene gibt, die noch stärker ist und die eher rationalen Ebenen aufhebt. Gedankliche „Deutungsrahmen“ (Frames) nennt der Kognitionspsychologe George Lakoff die mentalen Strukturen, die unsere Weltanschauung bestimmen. Da diese Rahmen im Bereich des Unbewussten angesiedelt sind, erfolgt der Zugang über Metaphern. Der Titel des ersten berühmten Buchs von Lakoff und Mark Johnson lautet „Metaphors We Live By“ (1980).

Im politischen Diskurs ist zum Beispiel die Gleichsetzung von Körper und Staat eine der beständigsten: vom mittelalterlichen Staatskörper (body politic) bis zum nationalsozialistischen Volkskörper. Die Lakoff-Schülerin Elisabeth Wehling hat in Deutschland diese Ideen für ein breiteres Publikum bekannt gemacht (zum Beispiel in „Politisches Framing“, 2016). Wenn wir von Steuerlast sprechen, dann impliziert die Metapher der Last, dass Steuern etwas Negatives sind.

Die Erkenntnisse der kognitionswissenschaftlichen Rahmentheorie sind in den politischen Thinktanks schon längst rezipiert und zu Wahlkampfwaffen umfunktioniert worden. Es besteht inzwischen Grund zur Annahme, dass Trumps bekannte Wahlsprüche wie „drain the swamp“ von Cambridge Analytica erfunden wurden (so behauptet es zumindest dessen ehemaliger CEO Alexander Nix). Washington als „Sumpf“ (swamp) zu bezeichnen entstammt perfekt dem Regelbuch des politischen Framings, da es mit Trump einen aktiven Vorgang der Säuberung verbindet. Der jüngste poetische Höhenflug der AfD – „Messermigration“ als alliterative Verbindung des relativ neutralen Begriffs „Migration“ mit der Metapher „Messer“ im Sinne von Waffe – zeigt, zu welch sprachlichen Meisterleistungen vor allem die rechtskonservative Politik fähig ist.

Die Affektmetaphorik der Reinheit

Betrachtet man nun die Idee der Kulturvermischung im Vergleich zu ihrer Gegenmetapher der kulturellen Reinheit, befindet man sich mitten in einem Metaphernkomplex, der den Kern des Ichs betrifft: die frühkindliche Erziehung, insbesondere Reinlichkeitserziehung, (gesellschaftliche) Tabus und Oppositionen wie dreckig/sauber, erlaubt/verboten und anderes mehr. Das Wort Vermischung steht in assoziativer Nachbarschaft zu Chaos, Durcheinander, Gemisch, Gebräu und sogar Verunreinigung. Auf dem Schlachtfeld der politischen Metaphorik ist Vermischung kaum vermittelbar im Vergleich zur Gegenmetapher Reinheit, die schon seit Jahrhunderten mit einem unverfälschten nationalstaatlichen Volkskörper in Verbindung steht. Damit steht ein Dialog über Kultur als Vermischung vor dem Dilemma, mit einem empirisch nachweisbaren und von der Wissenschaft immer wieder beglaubigten Befund gegen eine mit Affektmetaphorik aufgeladene und im Bereich des Unbewussten und Unhinterfragbaren abgelegte moralische Grundüberzeugung in Konkurrenz zu treten. Lakoff würde sagen, wenn man im Feld der Politik mit Fakten gegen „frames“ argumentiert, verlieren die Fakten fast immer, weil sie zwangsläufig die sprachlichen Metaphern reaktivieren, die die andere Seite schon besetzt hat.

Was tun? Läuft jede Form von Diskurs, der Kultur als Vermischung das Wort redet, Gefahr, von der anderen Seite um- und abgewertet zu werden? Lakoff spricht von „reframing“, der Umdeutung von Rahmen, um die eigenen Ideen und vor allem Werte positiv zu besetzen, – ein, wie er betont, langwieriger, aber keinesfalls aussichtsloser Prozess. Ein Vorteil in Deutschland gegenüber den USA oder Großbritannien beispielsweise ist die Absenz einer starken reaktionären Medienlandschaft. Es gibt Gott sei Dank hierzulande noch keine Fox News oder Daily Mail. Reframing benötigt Arbeit an der Sprache und deren konsequente, lang andauernde Distribution über alle medialen Kanäle. Fakten sind wichtig, aber sie müssen in einen moralischen Rahmen eingebettet werden, sonst sind sie wirkungslos. Defoe und Zuckmayer erkannten das schon früh. Defoe bezeichnete den Begriff „a true-born Englishman“ ausdrücklich als „a metaphor?… in fact a fiction/A banter made to be a test of fools“. Zuckmayer charakterisiert den Rhein als „Kelter Europas“, und wer assoziiert nicht Wein mit etwas Positivem, mit Geselligkeit, Leutseligkeit? Es heißt, ihre Arbeit fortzusetzen.

Über den Autor

Christopher Balme, geboren 1957 in Neuseeland, ist seit 2006 Direktor des Instituts für Theaterwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München.
» Promotion an der Universität Otago, Neuseeland
» Habilitation 1993 an der Universität München
» 2004 bis 2006 Leiter des Studienbereichs Theaterwissenschaft an der Universität Amsterdam
» 2007 bis 2010 Dekan der Fakultät für Geschichts- und Kunstwissenschaften der LMU
» Arbeitsschwerpunkte: Geschichte des deutschsprachigen Theaters, Intermedialität, Theateranthropologie und postkoloniales Theater
» Herausgeber der Zeitschrift Forum Modernes Theater