Patrick Bannwart (Zeichnung) und Philipp Löhle (Text)

© Foto: Patrick Bannwart (Zeichnung) und Philipp Löhle (Text)
Leseprobe

Was will das Publikum?

Unsere Leseprobe zum Heft-Schwerpunkt „Was will das Publikum?“: Eine Umfrage unter Theater-Zuschauern aus München, Berlin und Karlsruhe

Weitere Themen im Juli widmen sich der Auswertung der aktuellen Werkstatistik des Deutschen Bühnenvereins zur Saison 2016/2017

Im letzten Jahr haben wir in unserem Schwerpunkt zur Werkstatistik des Deutschen Bühnenvereins, die DIE DEUTSCHE BÜHNE redaktionell betreut, die These aufgestellt, dass Publikumstheater und Theatertheater (von Kritikern und Insidern) auf zwei ziemlich verschiedene Arten von Aufführungen verweisen. In diesem Jahr wollten wir das Publikum nun selbst zu Wort kommen lassen. Mit Hilfe dreier ganz unterschiedlicher Theater, des Badischen Staatstheaters in Karlsruhe, des Deutschen Theaters in Berlin und des Metropoltheaters in München, haben wir Fragen an deren Zuschauer gestellt, bei denen sie vorformulierte Antworten ankreuzen, aber auch ausformulierte Kommentare schreiben konnten. 98 Theaterinteressierte haben auf unsere Umfrage geantwortet. Natürlich können die Antworten keinen repräsentativen Charakter haben. Aber sie helfen uns – und Ihnen, liebe Leser – dabei weiter, die Einstellung von Zuschauerinnen und Zuschauern konkret und anschaulich zu machen. Hier nun die einzelnen Fragen und hervorstechende Antworten dazu.

1. Warum gehen Sie ins Theater? (Mehrfachnennungen möglich)

„Zur Unterhaltung“: 77 Prozent.
„Als Anregung“: 76 Prozent.
„Aus Interesse an gesellschaftlichen Themen“: 56 Prozent.
„Zur Bildung“: 45 Prozent.
„Zur Entspannung“: 26 Prozent.
„Um Leute zu treffen“: 13 Prozent.
„Für das Essen danach“: 1 Prozent.
„Theater ist Lebensmittel für mich“, schrieb ein Zuschauer; und eine Horizonterweiterung durch das Theater spielt bei zahlreichen Kommentaren eine Rolle, sei es, „um meinen Horizont zu erweitern“, oder um die „politische Meinung zu schärfen, quer oder neu zu denken“. Die Antwort „Wegen des Essens vor der Vorstellung“ gehörte aber auch dazu – und diese Form der Motivation hatten wir bislang noch gar nicht auf der Rechnung.

2. Erinnern Sie sich an Ihren ersten Theater­besuch? Wo und wann fand er statt? Wie war es?

„Ja“: 73,5 Prozent.
„Nein“: 26,5 Prozent.
Die allermeisten Theaterfreunde erinnern sich also an ihr erstes Mal. Und naturgemäß überwiegen die positiven, ja enthusiastischen Kommentare: „Großartig!“, „beeindruckend“ und „überwältigend!“ sind mehrfach geäußerte Einschätzungen an die Kindheits-, zum nicht kleinen Teil auch Jugenderinnungen im Parkett. Sie zeigen, welch tiefe Spuren diese frühen Erfahrungen hinterlassen haben. Dabei muss es ganz offensichtlich nicht unbedingt das sozial engagierte oder innovative Theater sein. Auffällig ist vielmehr, dass Weihnachtsmärchen, Klassiker und (ja, tatsächlich) Operetten bei der Initiation späterer Theaterliebhaberinnen und Freunde eine große Rolle zu spielen scheinen: „Gärtnerplatztheater München, eine Operette, ich war 13 – und es war toll“ ist einer meiner liebsten Kommentare. Oder: „Stadttheater Pforzheim, 1979: ,Das Land des Lächelns‘, 1. Reihe. Ich war 7 und fand’s toll.“ Über das Weihnachtsmärchen „Lebkuchenmann“, Mitte der 1980er-Jahre in Flensburg lese ich: „Großartig: Der Beleuchter fiel vom Bühnenhimmel, und ich dachte, im Theater sei alles möglich.“ Ein denkwürdiger Einstand war wohl auch Klaus Maria Brandauer als Hamlet 1982 am Wiener Burgtheater: „Ich habe gedacht, Theater muss immer so sein?…“

3. Was war Ihr groß­artigstes Theatererlebnis?

Unter den 86 Antworten finden sich auffallend viele Eindrücke von Besuchen im Ausland. Und vom Münchner Metropoltheater, dessen Zuschauer sich besonders rege an unserer Umfrage beteiligt haben. Eine Antwort über die Nennung von Inszenierungen hinaus lautet denn auch: „Ich bevorzuge kleine Theater, mit direktem Kontakt zum Geschehen.“ Der Versuch der Erfolgsanalyse schimmert auch hier durch: „Immer wieder großartig, wenn eine Aufführung mich packt und verwickelt, emotional und/oder intellektuell. Egal ob ‚werktreu‘ oder ‚aufgebrochen‘.“ In diesem Sinne ist auch eine andere Antwort begründet, zum Lob von Frank Castorfs Dostojewski-Inszenierung „Brüder Karamasow“: „In den letzten Jahren hat mir jedenfalls mein Besuch an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz am meisten zu denken gegeben.“

4. Was war Ihr schlimmstes Theatererlebnis?

Insgesamt scheinen die Zuschauer hier eher großmütig zu sein: „Och, das waren viel, sind aber schnell vergessen.“ Allerdings: „Vieles ist Geschmacksache. Aber wenn man das Gefühl hat, als Zuschauer für dumm verkauft zu werden und/oder sich niemand Mühe gibt, ist es schlimm.“ Und dann gibt es da eine berührende, traumatische Erinnerung, die sich aus dem Mitpublikum ergab: „Während meiner Oberstufenzeit hatte ich ein Theaterabonnement, sodass einige Mitschüler und ich häufiger gleich nach der Schule ins Theater gegangen sind. Bei einem Stück wurden wir von einer älteren Dame, die neben uns saß, zurechtgewiesen, wie wir es denn wagen könnten, in unserer Alltagskleidung ein Theater zu betreten.“ Schlimm soll es um 1995 rum auch am Augsburger Stadttheater gewesen sein: „Wir gingen oft in der Pause und nannten es ,Mitklatschtheater für graue Panther‘.“

5. Gehen Sie immer in dasselbe Theater?

Fast 93 Prozent der Teilnehmer sagen hier: Nein! Und die Begründungen sind auch ziemlich einhellig: „Wir haben vermutlich die dichteste Theaterlandschaft der Welt, wieso sollte ich mich da auf ein Theater beschränken?“ Das Lob der „Vielfalt“ fällt in zahlreichen Antworten, bis hin ins Lateinische: „Variatio delectat.“

6. Ärgern Sie sich manchmal während einer Aufführung und denken danach, es war doch nicht so schlecht?

Die Zustimmung beträgt hier zwar „nur“ knapp 30 Prozent. Unter den 19 ausführlicheren Antworten überwiegen aber doch die nachdenklichen Stimmen: „Letztens in der Premiere. Bis zur Pause fand ich’s schrecklich. Dann hatte ich mich ‚eingeschaut‘ in die Spielweise und Feuer für das Stück gefangen?…“ Und dann scheinen Nachgespräche oder auch Diskussionen mit anderen eine wichtige Rolle zu spielen: „Manchmal ist es die Diskussion oder Nachbetrachtung, die einen Impuls gibt und damit das Gefühl verändert.“ Schön knapp aber auch ein ganz anderer Kommentar: „Nein, weil ich rausgehe, wenn ich mich ärgere –
eiskalt!“

7. Was mögen Sie gar nicht im Theater/auf der Bühne?

„Nackte auf der Bühne“: 67 Prozent.
„Projekte“: 27 Prozent.
„Romanbearbeitungen“: 24 Prozent.
„Klassiker“: 9 Prozent.
„Neue Stücke“: 2 Prozent.
„Nackte auf der Bühne“ sind das Schreckgespenst Nummer 1 von Deutschlands Theatergängern, aber immerhin gut 30 Prozent haben keine Probleme damit. Und auch die Ablehnung differenziert sich in den Antworten: „Unmotivierte Nacktheit“ geht auf die Nerven, das heißt, sie wird nicht grundsätzlich abgelehnt: „Nackte hat man schon so oft gesehen, wenn es schocken soll, das schockt nicht mehr, es nervt. Es gibt aber Situationen, da ist es ein gutes ästhetisches Mittel.“ Und diese Antwort geht im Weiteren mit dem Co-Publikum hart ins Gericht: „Das Austauschen des letzten Bratenrezeptes während der Ouvertüre der besten Freundinnen hinter mir. Den schnarchenden Ehemann (nicht meiner!), der sich zwingen ließ, mitzugehen, statt zu machen, worauf der Bock hat. Kommentierungen gehören in die Pause, da sind echte Menschen auf der Bühne!“ Respekt vor den Schauspielern also, wie es sich auch hier zeigt: „Wenn Zuschauer sich keine Zeit nehmen, um zu applaudieren.“ Ansonsten wird auch „unreflektiertes Regietheater“ kritisiert und „Konsenstheater ohne speziellen Gedanken zum vorliegenden Stoff, ohne Haltung zu unserer Zeit und ihren Neurosen“. Oder kurz gesagt: „Kunstkacke.“ Die wird von einem Viertel der Teilnehmerinnen und Teilnehmer wohl bei Projekten vermutet. Immerhin fast zehn Prozent mögen aber grundsätzlich auch keine Klassiker. Da kommen „neue Stücke“ wesentlich besser weg. Und das ist für mich eine kleine Sensation: Nur zwei Prozent geben die (von uns vorgeschlagenen) neuen Stücke, häufig Uraufführungen, als Ärgernis an. Sie sind somit die eigentlichen Gewinner dieser Negativliste.

8. Gehen Sie manchmal während der Vorstellung?

72 Prozent sagen kategorisch Nein zum vorzeitigen Verlassen von Vorstellungen. „Zwei Mal in 30 Jahren“ deutet unter den restlichen 28 Prozent nicht unbedingt auf exaltiertes Türenschlagen. „Aber wenn, respektvoll in der Pause und nicht demonstrativ.“ Immerhin lauert im Theater die Gefahr „verschwendeter Lebenszeit“: „Manchmal hat man mehr von einem guten Essen oder Drink.“ Auch richtig.

9. Rufen Sie „Buh“ oder „Bravo“?

55 Prozent melden sich auch über den Applaus hinaus; darunter sind laut Kommentaren genau null Prozent „Buh“-Rufer. „Ich pfeife, klatsche, juble, wenn mich ein Stück berührt hat. Ich buhe nicht aus.“ Basta.

10. Welche Rolle spielen Kritiken in Ihrem Theaterverhalten?

Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir müssen jetzt ganz stark sein. Denn 87 Prozent aller 98 Antwortenden lassen sich von Kritikern nichts sagen, sprich: ändern durch unsere Texte nicht ihre Meinung. Das Positivste noch: „Es ist wie das Austauschen mit Freunden über das Stück. Man liest Aspekte, die man selber nicht oder nicht aus dieser Perspektive gesehen hat.“ Es geht aber auch so: „Es ist oft lustig, wenn man sich fragt, welches Stück der Kritiker gesehen hat und man selbst.“ Oder: „Ich mag keine abgeklärten Kritiker.“ Und auf die Frage, welche Rolle Kritiken im Theaterverhalten spielen, immer wieder diese Antwort: „Keine.“

11. Wie wählen Sie die Stücke aus?

- „Nach Theatern“: 75 Prozent.
- „Nach Autoren“: 66 Prozent.
- „Nach Schauspielern“: 54 Prozent.
- „Nach Kritiken“: 39 Prozent.
Immerhin spielten bei fast 40 Prozent aller Zuschauerinnen und Zuschauer unserer Umfrage Kritiken dann doch irgendwie eine Rolle, bei der Auswahl der Inszenierungen, und sei es nur die Tatsache, dass es überhaupt eine Besprechung in einer Tageszeitung gibt. „Freunde“ sind als Ideengeber aber womöglich genau so wichtig, eine Rolle spielen bei einigen Antworten auch „Regisseure“. Das wichtigste Kriterium, wie es sich aus den ausformulierten Antworten ergibt, sind aber die „Themen“ und „Inhalte“ der Stücke und Aufführungen.

12. Sehen Sie lieber Stücke oder Bearbeitungen (Roman, Film), die Sie schon kennen? Ist es für Sie wichtig, zu kennen, was Sie sehen?

Für 90 Prozent ist das Vorwissen unwichtig, vielmehr ist es das Stichwort „Überraschung“, denn: „Ich will etwas, das für mich neu ist.“

Zusammenfassung:
Das Publikum, wie es sich in unserer Umfrage abbildet – zu 72,5 Prozent übrigens weiblich, und zu 26 Prozent zwischen 50 und 59 Jahre alt –, ist also neugierig und schreckt dabei auch vor neuen Stücken nicht zurück. Wertvoll ist ihm die Wahl zwischen verschiedenen Theatern, es ist sehr interessiert an – auch politischen – Inhalten und hat viel Geduld und vor allem Respekt vor den Theatermachern, besonders vor den Darstellerinnen und Darstellern. Es will aber auch ernst genommen werden. Und: Für den ersten Kontakt mit Theater sind Märchen oder Operetten keineswegs von Nachteil.

Vielen Dank allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern! Und dem Badischen Staatstheater Karlsruhe, dem Deutschen Theater Berlin und dem Metropoltheater in München für ihre Hilfe bei der Kontaktaufnahme!

Über den Autor

Detlev Baur ist Schauspielredakteur der DEUTSCHEN BÜHNE