Habjan als Puppenspieler in „Der Streit“ am Cuvilliés-Theater in München

Habjan als Puppenspieler in „Der Streit“ am Cuvilliés-Theater in München

© Foto: Thomas Dashuber
Leseprobe

Die Verpuppung des Körpers

Der österreichische Regisseur und Puppenspieler Nikolaus Habjan macht zunehmend auch die deutsche Theaterwelt unsicher. Das Porträt eines Gesamtkünstlers, bei dem die Puppen sich vermenschlichen und der Spieler Objekt wird

Mehr Verpuppung im Märzheft der DEUTSCHEN BÜHNE:

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Der Puppen-Charismatiker

Im deutschsprachigen Raum, so Nikolaus Habjan, sei das Puppentheater irgendwie osmotisch getrennt vom Rest des Theaters – doch in den letzten Jahren gebe es endlich eine Renaissance! Und er ist glücklich, zur rechten Zeit dabei sein zu können. Grundbescheiden, wie der junge Österreicher vor einem sitzt, mag er auch nicht einsehen, ein nicht unwesentlicher Katalysator dieser Renaissance zu sein?…

Habjan, vor gerade mal 30 Jahren in Graz geboren, ist einer der aufstrebenden Regisseure seiner Theatergeneration. Die Liste seiner Talente umfasst diverse Bereiche der darstellenden Künste: Er ist Puppenspieler, Puppenbauer, Schauspieler, Regisseur – und er praktiziert nebenbei so ganz exotische Dinge wie Kunstpfeifen, eine ausgeprägt österreichische Tradition. Sein Konzertabend „Ich pfeif’ auf die Oper“ ist eine virtuos gepfiffene Reise durch Arien aus drei Jahrhunderten Opern- und Operettengeschichte (entsprechende YouTube-Videos gibt es zahlreich, sie anzusehen sei dem Leser mit Nachdruck ans Herz gelegt). Es wundert also nicht, dass Habjans Berufswahl eher dem Ausschlussverfahren folgte: „Ich kann nicht singen, war nie gut beim Geigespielen, und als Orchestermusiker sitzt man nur im dunklen Loch, und die ganze Action ist hinter einem.“ Dirigent sein habe ihn noch gereizt, aber sein Rhythmusgefühl sei nicht gut genug.

Klingt alles nach schwer vorgeprägtem Theaterkind – das Habjan aber keineswegs ist. Der Vater Verlagskaufmann, die Mutter Bibliothekarin und Kunsthistorikerin, beide ließen ihn und seine Schwester viel ausprobieren. Als Habjan 2006 anfing, in Wien Musiktheaterregie zu studieren, waren die Würfel längst gefallen: Die Miniaturwelt der Marionetten hatte es ihm schon als Fünfjährigem angetan. Weil er in Wien schlecht Anschluss fand, hat er in den ersten beiden Studienjahren „reingestrebert wie verrückt“ (man muss sich den charmanten Wiener Dialekt zu diesen Worten vorstellen) – und das kleine Schubert Theater für sich entdeckt, ein Figurentheater für Erwachsene im 9. Bezirk, unweit gelegen von Franz Schuberts Geburtshaus. Hier wurde Habjan bald Teil des Leitungsteams und sollte seine ersten wichtigen Produktionen verwirklichen: „Schlag sie tot“ (2008), „Herr Berni macht Urlaub“ (2010),
„Der Herr Karl“ (2010), das Michael-Jackson-Stück „Becoming Peter Pan“ (2010) – vor allem aber „F. Zawrel – erbbiologisch und sozial minderwertig“ (2012, zwei Jahre nach Studienabschluss).

„F. Zawrel“ ist ein Stück Aufarbeitung österreichischer NS-Vergangenheit über das Leben Friedrich Zawrels, der als Kind in der berüchtigten Wiener Krankenanstalt Am Spiegelgrund gequält wurde, das Euthanasie-Programm der Nazis überlebte und der seinem damaligen Arzt Heinrich Gross viele Jahre später erneut begegnen musste – jener mittlerweile nicht nur SPÖ-Mitglied, sondern auch Bundesverdienstkreuzträger und einer der einflussreichsten Gerichtsgutachter des Landes. Die Produktion entstand im engen persönlichen Kontakt mit Zawrel, dem Habjan bis zu dessen Tod 2015 eng verbunden blieb, dessen Schicksal ihn geprägt und wohl auch sein politisches Engagement bestärkt hat. Bis heute muss Habjan bei den „Zawrel“-Vorstellungen, in denen er wechselt zwischen der Puppe des Zawrel und jener des Arztes Gross, achtgeben, am Ende nicht zu viel „Fremd-­emotionen“ mit heimzunehmen. Das Stück war auch künstlerisch eine Zäsur und brachte ihm den Nestroy-Theaterpreis 2012 in der Kategorie Beste Off-Produktion ein – was nicht nur ihn als Künstler, sondern auch die Klappmaulpuppe als Objekt ein Stück mehr in den Fokus der Theaterwelt rückte. Diese Puppenbauart hat Habjan übrigens von seinem Mentor und Freund Neville Tranter übernommen, dem australischen Puppenpapst, den er schon mit 15 Jahren bei einem Workshop traf und mit dem aktuell ein neues Projekt am Schauspielhaus Graz geplant ist.

Nach seinem Diplom 2010 dissertierte Nikolaus Habjan ein paar Wochen in Theaterwissenschaft, bis die Anfragen sich häuften – und ein Anruf von Matthias Hartmann aus dem Burgtheater kam. „Ich hatte damals so einen tollen Professor, der meinte: ,Na wenn die Burg ruft, müssen Sie natürlich gehen. Ich bin in 20 Jahren noch da, falls Sie zurückkommen wollen…‘“ Also gab Habjan sein umjubeltes Burg-Debüt als Puppenspieler in „Fool of Love“, einem Abend mit Shakes­peare-Sonetten in der Regie des Hausherrn Hartmann.

Vermutlich wird die Theaterwissenschaft auch in Zukunft auf den jungen Österreicher verzichten müssen, denn nach diversen Produktionen in Wien und Graz stellt Habjan nun auch die deutsche Theaterwelt erfolgreich auf den Kopf. Er gastiert weiterhin mit seinen alten Stücken und verantwortet neben „normalen“ Inszenierungen Konzertabende wie „Doch bin ich nirgend, ach! zu Haus“, eine Collage aus Liedern von Schubert, Schumann, Brahms und Mahler sowie Texten des Schweizers Robert Walser, entstanden in Zusammenarbeit mit der Musicbanda Franui. „Die Franuis sind groß­artig, in die hab ich mich schwer verliebt beim ersten Treffen an der Burg“, schwärmt Habjan, eine erneute Zusammenarbeit mit dem Tiroler Musikensemble war nur eine Frage der Zeit. In „Doch bin ich nirgend?…“ führt Habjan seine (wie immer selbst gebaute) Puppe, den sinnsuchenden Wanderer, an einem kleinen Tisch in der Bühnenmitte dramaturgisch schlüssig durch die Jahreszeiten – hin zur ewigen Ruh. Sätze wie „Kann ich mich denn finden, wenn’s an mir nichts aufzufinden gibt?“ prallen einem entgegen, während die einsame, ganz menschlich wirkende Puppe durch den Schnee stapft. Doch der Abend behält trotz aller musikalischen und textlichen Schwere seine Leichtigkeit, ein weiteres Talent im Schaffen von Nikolaus Habjan: Irgendwie changieren seine Stücke immer am Rand der Schwermut und sind doch so liebenswertes, humorvolles, Hoffnung stiftendes und magisches Theater. „Von diesem Abend trenne ich mich sicher noch sehr lange nicht!“, verspricht er.

Für Habjan hat Theater in erster Linie mit Lust zu tun – und nicht mit Mühe. Und diese Lust sieht man auf der Bühne seinen Darstellern, seinen Puppen und auch ihm selbst an. „Theater ist wie ein großer Flughafen, an dem eine Reise beginnt.“ Man weiß nur nicht recht, wo es hingeht. So ergebnisoffen beginnt das Multitalent auch den Bau seiner Puppen, die er für Inszenierungen wie zuletzt in München („Oberon“ an der Staatsoper und „Der Streit“ am Residenztheater) meist vorproduziert – oder von seiner Assistentin Marianne Meinl zu Ende bringen lässt. „Die Marianne ist großartig, die möchte ich nie mehr weglassen?…“ Der Prozess des Puppenbaus gehört für ihn immanent zur Stückentwicklung, bisher ist Habjan nur mit eigens angefertigten Puppen aufgetreten. Für deren Physiognomie sammelt er Gesichtsausdrücke von Fahrgästen in der U-Bahn, zitiert Nasen, Blicke, Gesprächsfetzen. Die Augen seiner Puppen wirken dabei unfassbar lebendig, teilweise gruselig in ihrem Glitzern. Für seine letzte Inszenierung, „Der Streit“ von Pierre Carlet de Marivaux am Münchner Resi, bekamen die Puppen Augen aus Glassteinen verpasst, die Habjan mal in Porto entdeckt hat. „Es ist ganz simpel: Strass oder Glasstein, Scheinwerfer drauf, fertig. Solange es glitzert, funktioniert es.“ Seine Puppen stilisieren eine Realität, sind grotesk, und wenn sie sterben, zusammenfallen zu einem wirren Haufen Materie, wird dem Zuschauer die aufgebaute Illusion akut genommen. Der Tod funktioniert im Figurentheater fast brutaler als im Theater mit Menschen – und am Ende weiß man nicht, wer entmenschlichter erscheint: der Spieler im Hintergrund oder die Puppe.

Dass zwei seiner jüngsten Inszenierungen zeitnah in München Premiere hatten – und auch noch mit ähnlich skurrilem Setting aufwarten –, war blanker Zufall, beide Anfragen kamen innerhalb von zwei Wochen. In Carl Maria von Webers (zu Recht) selten gespielter Oper „Oberon – König der Elfen“ schicken das streitende Paar Oberon und Titania zwei männliche Probanden als Teil eines Experiments in den Orient, um dort ihre Liebesfähigkeit zu testen, während sich in Marivauxs „Der Streit“ ein Prinz und seine Geliebte darüber entzweien, wer denn zuerst die Untreue verschuldet hat: Mann oder Weib. „Als ich das Stück zuerst gelesen habe, dachte ich nur: Gott, wie spröde! Aber irgendwann ging das Kopfkino los.“ Er hat dann in beiden Stücken die Puppen konträr eingesetzt: Im „Oberon“ ist jener als Experimentator selbst eine Puppe, während beim „Streit“ die Probanden, also das Versuchsmate­rial, Puppen sind. Hier steht Habjan auch selbst mit auf der Bühne – und schwärmt von seinen drei Darstellern, allesamt Schauspieler aus dem Resi-Ensemble: „Alle hatten große Lust auf diese Arbeit, ich bin wahnsinnig stolz auf die drei.“ Das Münchner Publikum hat den un­eitlen Charismatiker längst ins Herz geschlossen, kein Tag vergeht, an dem er dort nicht angesprochen wird. Ohnehin inszeniert er gern in Deutschland, Österreich sei halt politisch zunehmend schwierig. Und sein „Allroundtalent“ sei dort sogar eher nachteilig, was Habjan „anstrengend und völlig deppert“ findet.

Sein nächstes Projekt, „Böhm“, ein Abend über den Dirigenten Karl Böhm, hat am 22. März am Schauspielhaus Graz Premiere, ein Stück, das er eigens entwickelt hat und mit dem er bei Theaterchefin Iris Laufenberg offene Türen einrannte. Seiner Geburtsstadt Graz bleibt Habjan also ebenso wie seiner Wahlheimat Wien treu. Und wie zur Hölle kriegt er neben Puppen bauen, Konzerte geben, Regie führen und selbst spielen noch sein Leben organisiert? „Meine Termine macht die Mama, Finanzielles der Papa, ohne die wäre ich völlig aufgeschmissen! 70 Prozent der Energie geht für so was drauf, die brauche ich für andere Dinge.“ Wohl dem, der solch ein Talent hat – und solche Eltern obendrein.

Über die Autorin

Ulrike Kolter ist seit 2009 Redakteurin der DEUTSCHEN BÜHNE und widmet sich vorrangig den Bereichen Tanz, Musiktheater und Figurentheater