Studenten beim Vorsprechen der ZAV in Neuss

Studenten beim Vorsprechen der ZAV in Neuss

© Foto: Matthias Stutte
Leseprobe

Schwerer Start am Theater?

Schwerer Start am Theater?

Mehr dazu im Februarheft der DEUTSCHEN BÜHNE

  • Reportage vom Vorsprechen der Schauspielschulen in Neuss
  • Zum Gerichtsurteil über die Gleichbehandlung von Absolventen privater Schauspielschulen
  • Umfrage unter Schauspielabsolventen der “Hochschule für Musik und Darstellende Kunst” Stuttgart
  • Anke Daver über die Arbeit als Regieassistentin
  • Tipps von Operndirektor Heribert Germeshausen
  • Ensemblemitglieder der Städtischen Theater Chemnitz über ihren Start
  • Start mit Migrationshintergrund: Interview mit Caner Sunar vom Deutschen Theater Berlin

Rund 500 Bewerberinnen und Bewerber gibt es an der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg (ADK) pro Jahr, um die zehn werden aufgenommen – das kann man, bezogen auf die staatlichen Schulen, im deutschsprachigen Raum mal 17 rechnen. Mindestens 170 Schauspielerinnen und Schauspieler also, die eine Hoffnung haben, ihr Leben mit Theaterspielen bestreiten zu können.

Die historisch gewachsene Situation des deutschsprachigen Stadttheaters (ungefähr 150 an der Zahl) mit seinen Ensembles ist einmalig und einzigartig. Sie ist ein Garant dafür, dass Kultur den Alltag bestimmen kann und damit auch etwas mit den Menschen macht: Sie unterhält, sie entspannt, und im besten Fall ermöglicht sie es, den Betrachter in ein Nachdenken über sich und seinesgleichen zu bringen. Also ein aktives Forum, das zivilgesellschaftliche Verantwortung trägt.

Aber leider ist die bestehende üppige Theaterlandschaft kein Garant dafür, dass nach dem Studium sofort ein Engagement zustande kommt. Das ist heute zwar in anderen Berufen nicht viel anders, außer dass der Schauspielerberuf oder der des Regisseurs und des Dramaturgen auch historisch gesehen immer volatil ist und man nicht davon ausgehen kann, wie ein Beamter einen Arbeitsplatz auf Lebenszeit zu erhalten. Trotzdem, glaube ich, gibt es genug Möglichkeiten, unterzukommen. Aber der Weg in die Profession ist nicht einfach: Oft hängt er von guten Zufällen ab. Und die Vermittlerarbeit der Professorinnen und Professoren, Mentorinnen und Mentoren, Akademieleiterinnen und Akademieleiter, die sich immer mehr als „Verkäufer“ fühlen, kann diesbezüglich nicht unterschätzt werden.

Sich über den Nachwuchs zu informieren ist zwar tägliche Arbeit von Dramaturginnen und Dramaturgen sowie Theaterleiterinnen und Theaterleitern, aber wenn es nicht mangelnde Neugier ist, so kann es nur ein Mangel an Zeit sein, dies nicht zu tun. Drei Vorsprechen pro Schule über geballte zwei bis vier Tage in München, Neuss (siehe Seite 38) und Berlin, – dieses organisiert die Ständige Konferenz Schauspielausbildung (SKS) mit Unterstützung des Deutschen Bühnenvereins und der Zentralen Arbeitsagentur für Künstlervermittlung (ZAV) – das überfordert jeden: Dramaturginnen und Dramaturgen, Intendantinnen und Intendanten, Assistentinnen und Assistenten sowie die Studierenden. Das Format eignet sich nicht wirklich, Begeisterung zu erzeugen, und es reicht einfach nicht aus: Wenn man den 40. Monolog oder Dialog gesehen hat, ist man im Zuschauerraum eingeschlafen?…

Die Organisation, die Vermittlungswege sollten und wollen eigentlich überdacht werden, zumal jetzt, nach einem entsprechenden Urteil des Bundessozialgerichts (siehe Seite 44), auch die privaten Ausbildungsstätten eingebunden werden müssen – eine Entwicklung, die rechtlich nachvollziehbar ist, die aber die staatlichen Ausbildungsstätten und Theater zum Nachdenken aufrufen sollten und uns verpflichten, den Übergang ins Berufsleben in Zukunft differenzierter zu gestalten. Sicherlich sollte auch die Politik über Kriterien beraten, wann eine private Theaterausbildungsstätte ihre Abschlüsse staatlich anerkannt bekommt und wann nicht. Vielleicht müssen striktere Regeln aufgestellt werden, um die eigenen staatlichen Institu­tionen, in diesem Fall die Akademien und Hochschulen, zu stärken und nicht zu desavouieren. Oder man versucht, Kooperationen zwischen privaten und staatlichen Schulen herzustellen, um gleichwertige und vergleichbare Abschlüsse zu erzielen. Auch diese Entwicklung kann dazu führen, dass die bis dato gepflegten Vermittlungsstrategien nicht mehr greifen und die eingeführten Vorsprechen aller Wahrscheinlichkeit nach in der bestehenden Form kaum noch durchzuführen sind. Es geht ja nicht nur um eine nicht zu bewältigende Fülle an jungen Theaterkünstlern, die auf den Markt drängen. Es geht vielmehr darum, zu erkennen, dass das theatrale Terrain heute ein vielfältiges ist und so viel zu bieten hat, dass nicht nur im staatlich subven­tionierten Theater Tätigkeitsfelder zu suchen und zu finden sind. Das bedeutet also auch, dass die Ausbildungsstätten bereits jetzt dieser Entwicklung Rechnung tragen müssen.

*Viele Ausbildungsstätten versuchen daher schon, verstärkt auf die veränderte Situation zu reagieren, indem sie: *
a) darauf hinweisen, dass die Studierenden als Theaterschaffende eine Autorschaft und damit eine Eigenständigkeit haben,
b) Theaterspiel als einen vielfältigen Bereich vermitteln, der jenseits der Stadt-/Staatstheater große Chancen bietet: daher Künstlergruppen schon während der Ausbildung fördern, die Studierenden grundlegend in Fundraising, Management, Marketing ausbilden und einführen und Modelle für „Start-up-Unternehmungen“ entwickeln,
c) andere Wege aufzeigen, welche Arbeitsgebiete sich auftun: Radio, Synchronsprechen, Film, digitale Kunst, Animation, Performing Arts etc.,
d) internationale Kontakte herstellen und Austausch fördern und
e) schon während der Ausbildungszeit Praxiserfahrung ermöglichen, damit Studierende schon vor Studienende mit der Profes­sion, dem Publikum, der Kritik in Berührung kommen. Da gibt es ja bekanntermaßen verschiedene Modelle, das Leipziger Modell (zwei Studienjahre an einem Theater), das Salzburger Modell (ein Studienjahr am Schauspielhaus Düsseldorf) oder Teilnahme an einzelnen Produktionen. Diese Praktika können hilfreich sein, sind allerdings meist unbezahlt und daher für einige Studierende kaum finanzierbar.

Sosehr man auch in den Ausbildungsstätten diesen Entwicklungen Rechnung trägt, die Lust der Studierenden, zunächst im Stadttheater unterzukommen, bleibt ungebrochen groß. Meistens klappt das auch, aber oftmals nur für zwei Jahre. Dann sind sie wieder auf der Suche. Das zu erklären ist schwierig, wenn man nicht falsche Unterstellungen formulieren möchte: Wir wissen, dass nach zwei Jahren das Anfänger-Monatsgehalt angehoben werden muss, das kann natürlich dazu führen, lieber wieder einen Anfänger zu suchen – vor allem, wenn man glaubt, „bessere“ Kandidatinnen und Kandidaten erhalten zu können, anstatt einem bereits Engagierten die Chance zu geben, sich kontinuierlich weiterzuentwickeln.

Da müssen neue Anreize geschaffen werden für Theaterleiterinnen und Theaterleiter, kontinuierliche Arbeitsprozesse zu ermöglichen. Man könnte über Alternativen nachdenken und zum Beispiel nach Frankreich schauen, welche Praxis als Übergang von Ausbildung zur Profession seit den 1970er-Jahren dort geübt wird. Sicher ist das französische Theatersystem mit dem deutschen nicht vergleichbar und daher nicht eins zu eins übertragbar, aber es könnte eine Idee geben, was möglich ist: Das Jeune Théâtre National (JTN) ist eine staatliche Organisation, die Vermittlungsarbeit leistet. Das heißt, jeder Schauspielabsolvent wird für drei Jahre Mitglied im JTN. Castings werden organisiert, sobald Anfragen von Regisseurinnen und Regisseuren oder Theatern kommen. Bei erfolgreichem Engagement erhalten die Schauspielerinnen und Schauspieler zwei Monate lang eine Gage von circa 2000 Euro vom JTN. Theater oder Regisseurinnen und Regisseure haben nur für Unterkunft und Reisen sowie später für Vorstellungsgagen aufzukommen. Da wird also, ähnlich wie bei einem Start-up-Unternehmen, der Einstieg ins Berufsleben gefördert. Das ermöglicht den Theatern, kontinuierlicher mit Schauspielerinnen und Schauspielern zu arbeiten, und fördert dabei gleichzeitig die freie Szene. 90 Prozent aller Künstlerinnen und Künstler sind nach drei Jahren in der Profession angekommen. So zumindest die Aussagen vom JTN. Ein interessantes Modell?

Bei alledem dürfen wir nicht vergessen: Die deutschsprachigen Länder bieten nach wie vor großartige Möglichkeiten, im theatralen Bereich unterzukommen. Wir jammern vielleicht auf hohem Niveau, gleichwohl wird die Situation enger, die Angst vor der Zukunft macht sich auch hier breit. Daher müssen wir jetzt handeln, um die Berufschancen auch in Zukunft breit aufzustellen und abzusichern.

Über die Autorin

Elisabeth Schweeger, 1954 in Wien geboren, ist Geschäftsführerin und Künstlerische Leiterin der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg in Ludwigsburg.
» Studium der Komparatistik und Philosophie in Innsbruck, Wien und Paris
» Tätigkeit als Kuratorin (Biennale Venedig, Ars Electronica, Documenta u. a.), Journalistin und Kulturmanagerin
» Von 1993 bis 2001 Künstlerische Leiterin des Münchener „Marstalls“ und Chefdramaturgin am Bayerischen Staatsschauspiel
» Von 2001 bis 2009 Intendantin am Schauspiel Frankfurt
» Von 2009 bis 2015 Intendanz der „KunstFestSpiele Herrenhausen“ in Hannover
» Seit September 2014 Leitung der Akademie für Darstellende Kunst in Ludwigsburg, wo sie auch als Dozentin für Dramaturgie tätig ist