Szene aus dem Musiktheater „Wahlverwandtschaften“ von Thomas Kürstner und Sebastian Vogel am Theater Bremen, mit Patrick Zielke (vorn) und Annemaaike Bakker in der Regie von Stephan Kimmig

Szene aus dem Musiktheater „Wahlverwandtschaften“ von Thomas Kürstner und Sebastian Vogel am Theater Bremen, mit Patrick Zielke (vorn) und Annemaaike Bakker in der Regie von Stephan Kimmig

© Foto: Jörg Landsberg
Leseprobe

Saisonbilanz 2017/18

von Detlef Brandenburg

Wer sind die erfolgreichen Theatermacher der vergangenen Spielzeit?

Unsere Autorenumfrage: 63 Fachjournalisten haben abgestimmt.
Mehr zur Saisonbilanz im Augustheft der DEUTSCHEN BÜHNE:

  • Was unsere Autorenumfrage über die aktuelle Bühnenästhetik und deren gesellschaftlichen Hintergrund verrät
  • Die Umfrage im Überblick: Alle Antworten unserer Autoren in Tabellenform
  • Spielzeit­bilanz in Fotos und Einzelkommentaren

Ja, richtig gelesen: Neun Fragen sind es diesmal. Wir haben unsere Umfrage ein bisschen umgemodelt. Neu hinzugekommen ist die Frage 7 nach dem innovativen Format, mit der wir ein Fenster zu experimentellen Theaterformen aufstoßen und unsere Autoren damit auch aus der Not entlassen wollen, solche oft interdisziplinären Arbeiten auf Biegen und Brechen einer bestimmten Sparte zuschlagen zu müssen. Was früher „Off“ hieß, das heißt nun freie Szene. Und bei den Personen-Kategorien weisen wir darauf hin, dass beispielsweise ein Beitrag zur aktuellen Entwicklung der Oper auch von einem Sänger oder Dirigenten kommen kann – es muss nicht immer nur der Regisseur sein.

Frage 1: Gesamtleistung Oper Frankfurt

Das ist wirklich ein Phänomen: 2002 trat Bernd Loebe sein Amt als Intendant der Oper Frankfurt an, seitdem belegt das Haus Jahr für Jahr Spitzenplätze in dieser Umfrage – und 2018 landet es mit sieben Nennungen unter Gesamtleistung (plus fünf weitere für künstlerische Einzelleistungen) auf dem Spitzenplatz der Spitzenplätze. Das liegt keineswegs daran, dass wir so viele Mitarbeiter in Frankfurt hätten. Die viel reisenden Jörn Florian Fuchs und Wolf-Dieter Peter aus München, Konstanze Führlbeck aus Herne, Elisabeth Richter aus Hamburg – sie alle hat Bernd Loebe überzeugt. Unsere Stuttgarter Autorin Susanne Benda erklärt uns, warum: „Die Oper Frankfurt bietet eine exzellente Mischung verschiedener Operngenres im Spielplan und eine hohe Qualität bei den Aufführungen, zu erleben etwa bei Bellinis ,Norma‘ (Christof Loy/Antonino Fogliani) oder bei der Uraufführung von ,Der Mieter‘ von Arnulf Herrmann und Händl Klaus.“ Schaut man auf andere Kommentare, wird klar: An diesem Haus stimmt das Gesamtpaket aus Raritäten und Repertoirestandards, Experimentellem und Kulinarischem. Die Sängerbesetzungen sind exquisit, auch weil der Chef persönlich auf der Suche nach neuen Talenten ist. Und dabei haben die noch nicht mal eine eigene Facebook-Seite! Brauchen sie auch nicht, denn: Die künstlerische Qualität ist die Botschaft! Die aber gibt’s nicht online. Da muss man schon hingehen.

Auf Platz 2 landet mit vier Nennungen das Theater Basel. Elisabeth Maier dazu: „Mit neuen Autoren, stilbildenden Regisseuren und vielversprechendem Nachwuchs in allen drei Sparten hängen An­dreas Beck und seine inzwischen schon sprichwörtliche Basler Dramaturgie nicht nur künstlerisch die Messlatte des Drei­spartenhauses hoch. Das hochkarätige Schauspielensemble mit starken Charakteren vermittelt dem etwas zaghaften Publikum der Schweiz auch neue Stücke und komplexe Stoffe.“ Und an dritter Stelle (je drei Nennungen) stehen gleichauf das Deutsche Schauspielhaus Hamburg und die Schaubühne am Lehniner Platz Berlin.

Frage 2: Abseits der Zentren Oper Halle

Auch hier macht ein Opernhaus das Rennen. Sechs Nennungen, davon vier unter Abseits der Zentren und je eine sogar unter Gesamtleistung und unter Oper – das ist in dieser Kategorie der breit verteilten Stimmen ein tolles Ergebnis. Unser in Halle lebender, in Sachen Oper europaweit tätiger Autor Joachim Lange meint: „Auch im zweiten Jahr seiner Intendanz setzten Florian Lutz und sein Team an der Oper Halle den Erneuerungskurs fort. Dazu gehören gegenwartsbezogene und ästhetisch ungewöhnliche Sichtweisen auf Repertoirestücke bis zur wiederentdeckten Händel-Oper, eine jährliche Uraufführung, kleinere Formen, die Zusammenarbeit mit dem Schauspiel vor Ort (,Dreigroschenoper‘) und eine konsequente Hinwendung zu allen Gruppen des Publikums. Und das trotz anhaltender Konflikte mit den installierten Strukturen.“ Diese „Konflikte“ tragen Halle unter Ärgernis allerdings auch zwei weniger schmeichelhafte Nominierungen ein. Regine Müller weist darauf hin, dass die Geschäftsführung leider nicht immer am gleichen Strang zieht wie die Künstler. Dabei sollte das Geld am Theater der Kunst dienen – und ist in Halle dort bestens angelegt.

Beim 2. Platz kommen wir in die typischen Auslegungskomplikationen einer Umfrage mit mehreren Kategorien. Eigentlich müsste hier mit drei Nennungen unter Abseits das Theater Regensburg stehen, vor dem Theater Heidelberg sowie dem Theater Osnabrück und dem ETA Hoffmann Theater Bamberg mit zwei Nennungen in der Kategorie. Da Heidelberg aber zusätzlich noch eine Nennung unter der mindestens ebenso gewichtigen Frage Gesamtleistung bekommt, dazu zwei weitere unter Oper sowie Das innovative Format und außerdem noch drei für die Compagniechefin Nanine Linning unter Tanz, zusammen also acht Nennungen – deshalb sind wir der Meinung, dass hier Heidelberg rechtens der Platz 2 zusteht. Und auf 3 folgt dann das Theater Regensburg – unsere Autorin Vesna Mlakar hat es insbesondere die Tanzsparte mit Yuki Mori an der Spitze angetan: „Im Kanon des gesamten Stadttheater-Programmfächers forderten seine beiden Premieren Compagnie und Publikum gleichermaßen heraus – durch eine ungewöhnlich ambitionierte und in die Theater- und Kunstszene ausgreifende Themenwahl: ,Shakespeare Dreams‘ und ,BilderRausch: Klimt.Bacon‘, zwei einzigartige Doppel­abende mit jeweils einem Chef- und einem Gastchoreographen-Beitrag, die das Potenzial haben, aufgrund ihrer Inhalte neue Publikumskreise zu erschließen.“

Frage 3: Freie Szene Boat People Projekt ­Göttingen/Klabauter Theater Hamburg

Dies war schon immer die Kategorie knapper Ergebnisse, denn das Terrain ist unabsehbar vielgestaltig. Hier liegen zwei kleine Gruppen vorn, die Theater mit sozialem Engagement machen, und das ästhetisch so überzeugend, dass je zwei Autoren ihnen ihre Stimme geben. Über das boat people projekt in Göttingen schreibt Juliane Sattler-Iffert: „Das boat people projekt arbeitet als freies Theater in Göttingen zu dem Thema Flucht und bindet dabei vor allem Künstler aus Kriegsgebieten ein. Die ungewöhnliche Initiative wurde mit dem Göttinger Friedenspreis ausgezeichnet.“ Und Michael Laages argumentiert für das Klabauter Theater: „Wie das RambaZamba in Berlin ist das Klabauter Theater in Hamburg fester Bestandteil der freien Szene. Hier arbeiten Menschen mit Behinderung regelmäßig am Ausdruck der eigenen Persönlichkeit auf der Theaterbühne. Gegründet vor 20 Jahren, fiel es gerade auf in einer außerordentlichen Produktion, die vom Salzburger Thomas Bernhard Institut zum Körber Studio Junge Regie nach Hamburg kam – und mit dem Publikumspreis ausgezeichnet wurde.“

Frage 4: Schauspiel Ulrich Rasche

Lieber Fabian Hinrichs, Sie müssen jetzt stark sein. Einer, der sich durch Ihre Berliner Rede über die Schauspielkunst angesprochen fühlen darf, ist der Regisseur, Bühnenbildner und Thea­ter­trai­nings­leiter Ulrich Rasche, der mit seinem Baseler „Woyzeck“ beim Theatertreffen war. Ganz knapp geht er dank zweier Zusatzvoten unter Bühne in der Schauspiel-Kategorie in Führung. Juliane Sattler-Iffert schreibt über „Die Räuber“ von Friedrich Schiller am Münchner Residenztheater: „In der Inszenierung von Ulrich Rasche (im eigenen Bühnenbild) findet sich der Klassiker auf zwei gigantischen Laufbändern wieder. Fließband, wir stehen alle darauf und laufen mit. Immer weiter. Maschinenhafte Unentrinnbarkeit. Wie stimmig, wie toll!“ Fließband-Schauspieler, na, da haben wir’s doch! Im Sommer übrigens wird Rasche bei den Salzburger Festspielen „Die Perser“ von Aischylos inszenieren, mit Katja Bürkle und Valery Tscheplanowa. Beide stehen nicht im Verdacht, als pflichtverbissene Soldatinnen nach der Pfeife „absichtsbetankter“ (Hinrichs) Regiegeneräle zu tanzen – und werden dennoch auf ihre Weise Rasches Theaterform extrem bereichern!

Aber wir haben auch einen Trost für den Redner der Schauspielkunst: Auf Platz 2 nämlich landete Jan Bosse mit seinem „Richard III“ am Schauspiel Frankfurt – zwar denkbar knapp, denn auch hier gibt es noch zwei Zusatzvoten unter der Rubrik Bühne, nur dass der Bühnenbildner in diesem Fall halt anders heißt als der Regisseur, nämlich Stéphane Laimé. Und hier werden Regie und Schauspielkunst von unserer Autorin Ulrike Hartung sogar in einem Atemzug genannt: „Jan Bosses ,Richard III‘ ist eine berauschende Tour de Force zwischen tiefster menschlicher Abgründigkeit, Clownerie und Groteske, die bei aller dämonischen Düsternis und szenischen Überdrehtheit Raum für die Genialität der Dialoge lässt. Atempausen sind dabei nicht vorgesehen: weder für das Publikum noch für das brillante Ensemble oder Wolfram Koch, der als Richard performative Höchstleis­tungen abliefert und das Intensitätslevel für volle drei Stunden an der Schmerzgrenze hält.“

Zumindest Platz 3 soll hier noch erwähnt werden, weil auch er drei Voten hat (allerdings mit keinen weiteren in anderen Kategorien): Falk Richter mit der Jelinek-Uraufführung „Am Königsweg“ am Deutschen Schauspielhaus Hamburg.

Frage 5: Oper Tobias Kratzer

Endlich wieder klare Platzierungsverhältnisse: Tobias Kratzer setzt sich mit vier Nennungen an die Spitze der Oper, und unsere Esslinger Autorin Elisabeth Maier schreibt: „Mit dem internationalen Regiequartett David Hermann (Frankreich), Yuval Sharon (USA), Thorleifur Örn Arnarsson (Island) und Tobias Kratzer (Deutschland) hat das Staatstheater Karlsruhe einen ,Ring‘ herausgebracht, der die gängige Rezeption des großen deutschen Komponisten auf den Prüfstand stellt. (…) Tobias Kratzer bringt in seiner ,Götterdämmerung‘ seine drei Regiekollegen gar als Nornen und als Rheintöchter auf die Bühne. Mit diesem Kunstgriff verleiht er dem Abend eine Distanz, die einen objektiven Blick auf die problematische Biographie Wagners zulässt.“

Den 2. Platz hat mit drei Voten (und einem unter „Gesamtleistung“) ein alter Bekannter erobert: Barrie Kosky, der an der Komischen Oper Berlin und anderswo nimmermüde seine Erfolge feiert, sich dabei immer wieder neu erfindet – und sich dennoch treu bleibt. „Erst die Bayreuther ,Meistersinger‘ mit ihrem grandiosen ersten Akt, dann in Berlin der kühle ,Pelléas‘, dann ,Anatevka‘, das trotz angeklebter Bärte so zeitgenössisch wirkt als Parabel auf alle Vertreibungen, zuletzt ,Semele‘ auf der Suche nach einem Leben hinter den Spiegeln – Koskys Operninszenierungen sind so lebensprall, spielgewitzt und sinnlich wie die Gattung selbst.“ So beschreibt es unser Berliner Autor Georg Kasch.

Frage 6: Tanz Martin Schläpfer

Auch Martin Schläpfer, der Düsseldorfer Choreograph und Leiter des Balletts am Rhein ist (mit vier Nennungen) nicht das erste Mal unter den Ersten. Jörn Peter Hiekel attestiert ihm „mehrere wichtige Neuproduktionen aus unterschiedlichen Zeiten (von ,Schwanensee‘ bis zu zwei neuen Stücken von Adriana Hölszky)“.

An zweiter Stelle gibt es wieder eine Doppelplatzierung: Jeweils drei Voten gibt es für Nanine Linning und Goyo Montero. Für Linning ist die Platzierung ein Abschiedsgeschenk – sie hat mit ihrer Dance Company dem Theater Heidelberg großes Ansehen eingetragen und scheidet mit Ende dieser Spielzeit von dort. Für Goyo Montero erteilen wir Dieter Stoll das Wort: „In zehn Jahren hat der spanische Tänzer, der, aus der Compagnie der Deutschen Oper Berlin kommend, rasant sein Profil als raumgreifender Choreograph voller literarischer Quergedanken ent­wickelte, das Opernhaus-Ballett neu definiert – schwebend über allen Abgrenzungen. Dass er jetzt beim großen Stühlerücken als einziger der Spartenchefs vom neuen Intendanten Jens-Daniel Herzog übernommen wird, ist nur logisch.“

Frage 7: Das innovative Format signa

Platz 1 ist glasklar: Die Performancegruppe SIGNA mit vier Voten plus einem unter Bühne. „Das Performance-Kollektiv SIGNA verwandelt mit seiner Schauspielhaus-Produktion ,Das halbe Leid‘ eine Fabrikhalle in ein Obdachlosenasyl. Die Besucher werden zu aktiven Mitspielern – zwölf Stunden lang. Ein nachhaltiges, gesellschaftlich höchst relevantes Theater­erlebnis zwischen Spiel und Wirklichkeit!“ So hat es unser Autor Sören Ingwersen in Hamburg erlebt.

Platz 2 dagegen hat gleich drei Anwärter: Zwei Stimmen gehen hier an Vegard Vinge und Ida Müller – da es für ihr „Nationaltheater Reinickendorf“ aber unter Bühne drei Nennungen gibt, müssen Vinge/Müller nach den Regeln dieser Umfrage dort gewertet werden. Damit rückt Jan Dvoráks „Frankenstein“ Produktion mit ebenfalls zwei Voten vor – Ruth Bender attestiert dieser Koproduktion von Kampnagel und Hamburgischer Staatsoper, dass sie „Popkultur, Literaturgeschichte und Operntradition so gelungen wie unterhaltsam dekonstruiert und in Spannung bringt“. Allerdings wird unter dieser Ru­brik auch Martin G. Bergers Heidelberger „Faust“ von Gounod/Jelinek genannt – für Björn Hayer „eine der genialsten Crossover-Aufführungen, die man in den letzten Jahren gesehen hat. Der Generalmusikdirektor Elias Grandy und Regisseur Martin G. Berger kombinieren die Oper von Charles Gounod mit Texten aus Elfriede Jelineks ,FaustIn and out‘ und deklinieren das (faustische) Patriarchat durch die Geschichte der Hoch- und Popkultur durch“. Da die Produktion unter Oper eine weitere Nennung von Volker Oesterreich bekommt, sollte man die in dieser für alle Sparten offenen Format-Kategorie nicht unter den Tisch fallen lassen. Und damit holen sich auch Berger und Grandy noch ihre Platzierung.

Frage 8: Bühne/Raum/Kostüm Vegard Vinge/Ida Müller

Hier ergibt sich ein Gegensatz, wie er größer kaum sein könnte. Den Spitzenplatz belegen Vegard Vinge und Ida Müller mit ihrem „Nationaltheater Reinickendorf“ mit drei Nennungen plus die bereits erwähnten beiden Zusatzvoten unter Das innovative Format. „Das Raumbild von Vegard Vinges und Ida Müllers ,Nationaltheater Reinickendorf‘ ähnelt im Aufbau zwar ihren Vorgängerprojekten“, schreibt Georg Kasch. „Aber es ist an Phantasie, Detailreichtum, kindlicher Fabulierlust und Intertextualität singulär.“ Auf Platz 2 folgt nahezu auf dem Fuße (auch drei Nennungen, aber keine Zusatzvoten) Altmeister Olaf Altmann, dem Dieter Stoll das schöne Epitheton verleiht: „…?weiterhin führender Klaustrophobie-Architekt, diesmal bei Thalheimers ,Endstation Sehnsucht‘ am Berliner Ensemble“. So zeigt diese Kategorie noch einmal in nuce die enorme Spannweite unterschiedlichster Theaterformen. Sie wird durch die folgenden beiden Doppelnennungen für Aleksandar Deni´c und Wolf Gutjahr nicht kleiner.

Frage 9: Ärgernis Das Volksbühnen-Fiasko

„Na, was wohl in Berlin?…?“ antwortet unser Autor Hartmut Krug auf die Frage nach dem Ärgernis der Saison. Die Antwort ist ebenso naheliegend wie unausweichlich. 20 von 63 Autoren votieren für (oder besser: gegen) „das Volksbühnen-Fiasko“, wie Nicolas Garz es nennt: „Mehr kann man nicht falsch machen, von allen Seiten.“ Wohl wahr.

Aber es gibt einige Nebenschauplätze des Missvergnügens, die auch von grundsätzlicher Bedeutung sind. Elisabeth Maier macht uns auf die Einmischung der Münchner CSU-Fraktion in die Arbeit von Kammerspiel-Intendant Matthias Lilienthal aufmerksam. „Lilienthal bindet erfolgreich die freie Szene in das renommierte Stadttheater ein und schafft es zugleich, das hohe ästhetische Niveau des Hauses zu halten. (…) Dass Lilienthals innovatives Modell eines offenen, multikulturellen Theaters mit höchsten ästhetischen Ansprüchen nun von der CSU im Keim erstickt wird, indem ein Beschluss gegen die Vertragsverlängerung gefasst wird, ist nicht zuletzt ein Schlag ins Gesicht des Münchner Stadtpublikums, das Lilienthals Kurs wohlwollend kritisch begleitet. Aufgabe der Politik sollte es sein, künstlerischer Arbeit Wege zu ebnen, statt sie derart zu torpedieren.“ Dem schließen wir uns ohne Wenn und Aber an.

Und Vanessa Renner ärgert sich (gemeinsam mit Reinhard Wengierek) darüber, „wie reflexartig und undifferenziert immer wieder von der vermeintlichen ,Krise des Stadttheaters‘ geschrieben und gesprochen wird. Selten wird dabei differenziert, um welche Art der Krise es sich handeln mag: eine finanzielle Krise, eine Krise der gesellschaftlichen Relevanz, eine künstlerische Krise, eine Krise der Organisation?… Pauschale Zuschreibungen verstellen den Blick für Möglichkeiten und übersehen positive und ermutigende Beispiele“. Die Fülle der Produktionen, die unsere Autoren in dieser Umfrage zusammengetragen haben, stützen Vanessa Renners positiven Blick auf die Stadttheater.