Szene aus „Die Borderline Prozession“ von Kay Voges am Schauspiel Dortmund

Szene aus „Die Borderline Prozession“ von Kay Voges am Schauspiel Dortmund

© Foto: Marcel Schaar
Leseprobe

Saisonbilanz 2015/16

von Detlev Baur

Wer sind die erfolgreichen Theatermacher der vergangenen Spielzeit?

Unsere Autorenumfrage: 60 Fachjournalisten haben abgestimmt.
Mehr zur Saisonbilanz im Augustheft der DEUTSCHEN BÜHNE:

  • Am Ende Rostock: Die wichtigsten Ergebnisse
  • Blitzlichter: Bilder und Zitate aus der Autorenumfrage
  • Die Umfrage im Überblick: Alle Antworten unserer Autoren

Theater als Krise

Keine Angst! Auch in diesem Jahr gibt es sie wieder in unserer Autorenumfrage, unsere Auswertung aus den Saisonkommentaren der Experten-Crowd dieser Zeitschrift: die meistgenannten Theater und besonders zahlreich bewunderte Regieleistungen und Bühnenkonzepte! Später dazu noch mehr.

Und doch bildet sich nach Auswertung der 60 Voten zu jeweils acht Fragen die Tendenz der letzten Jahre im Theater – und nicht nur dort, vielmehr in der gesamten Gesellschaft – ab, der Trend nämlich zum Abschied bestimmender Konzepte und Personen, hin zur Vielfalt der Formen und zur Vermischung bislang streng getrennter Bereiche. Das ist zwar auch in unserer Autorenumfrage kein ganz neues Phänomen. Es scheint sich aber noch einmal verstärkt zu haben. Die Vermischung und Diversifizierung im Bereich der darstellenden Künste ist verbunden mit einem zunehmenden Drang, den aktuellsten Trend festzuhalten, die jüngsten Stars schnell zu krönen – und dann schnell wieder zu vergessen. Unsere fachkundigen Autoren von Kiel bis Zürich widerstehen dieser Versuchung in unserer Umfrage vielfach und setzen eher auf Konstanz, wenn etwa Barrie Kosky und die Komische Oper zum wiederholten Male weit oben in der Summe ihrer Urteile steht. Und doch: Das Maxim Gorki Thea­ter in Berlin, strahlender Gewinner des vorletzten Jahres, im letzten Jahr noch mit einigen positiven Nennungen, geht diesmal ganz leer aus, ohne dass sich dort Konzept oder prägende Personen wesentlich gewandelt hätten.

Eine flaue Saison

Nicht nur am Maxim Gorki Theater erschien diese Spielzeit unseren Autoren jedoch ziemlich flau. Vielsagend das Urteil von Anne Fritsch: „Die ganz großen Knüller waren mir in der vergangenen Spielzeit leider nicht vergönnt. Diese Abende, bei denen man das Theater mit einem Glücksgefühl verlässt, man berauscht ist von der Intelligenz, dem Witz, der Tragik, der Emotion, der Spielfreude und dem Tiefgang einer Aufführung. Ja, doch, es gab einige gute Abende, auch sehr gute, aber diesen einen, bei dem sofort klar ist, dass was Besseres sich kaum finden lässt in dieser Saison, bei dem man gar nicht groß nachdenken muss, bevor man ihn in die Umfrage schreibt – den habe ich nicht gesehen.“

Da ist es bezeichnend, dass gleich drei unserer Autoren versehentlich zunächst eine Inszenierung als Lieblingsschauspiel nannten, die noch aus der vergangenen Spielzeit (wenn auch aus deren Finale) stammt: Oliver Frljics „Balkan macht frei“ am Münchner Residenztheater. Den Spielzeit-Blues verstärken auch die Nennungen zweier unserer Berliner Korrespondenten. Sophie Diesselhorst wie Wolfgang Behrens nennen nicht nur die in dieser jahrzehntelangen Castorf-Form sich 2017 auflösende Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz als Haus der Saison – das Thema der vermeintlich feindlichen Übernahme durch Chris Dercon bestimmt derzeit die Berliner Theaterdiskussionen. Zudem votieren beide Kritiker für Bert Neumanns Einheitsbühnenraum für die Spielzeit, Wolfgang Behrens sieht in Bert Neumanns Tod sogar die Enttäuschung der Saison.

Interessant ist für diese eher enttäuschende Saison auch ein kurzer Blick nach München, auf die Münchner Kammerspiele. Das Theater hat sich unter der neuen Intendanz von Matthias Lilienthal doch wohl mehr gewandelt, als er es anfangs einräumen mochte. Dieses Theater spielt bei den Häusern mit der besten Gesamtleistung eigentlich gar keine Rolle. Und doch erreichen die Kammerspiele in den Bereichen Schauspiel, Oper, Bühne und Ärgernis sieben Nennungen, so viele wie die hochgelobte Berliner Volksbühne und gar mehr als die mit vier Nennungen zur Gesamtleistung ganz weit oben angesiedelte Berliner Schaubühne. Die Münchner Kammerspiele sind also umstritten und prägen in dieser Zerrissenheit, die mit einer Zergliederung in alternative Bereiche verbunden ist – eine Opernproduktion des Theaters liegt im Bereich Oper weit vorne –, die Saison 2015/16.

Widersprüche als Kern der Spielzeit

Nun gab es das schon immer, seit es Kritiker gibt, dass man sich auch unter Fachleuten keineswegs einig ist, wie denn einzelne Inszenierungen oder Künstler zu bewerten sind. Weitere Beispiele aus der Umfrage wären der Regisseur Simon Stone oder das höchst erfolgreiche Erstlingsstück „Terror“ des Neu-Dramatikers Ferdinand von Schirach, der uns in der Redaktion als „das“ Gesicht der Spielzeit das Titelbild und zwei Artikel im Heft wert war. Auch nennt Marion Schwarzmann Oliver Reeses Inszenierung des Stücks als die Saison-Regieleistung im Schauspiel. Auf der anderen Seite ärgert sich aber Andreas Jüttner ausdrücklich über den „bundesweiten Hype um die Partizipations-Mogelpackung ‚Terror‘“. Neu scheint mir nun, dass die Widersprüche den eigentlichen Kern der Spielzeit beschreiben. Die Enttäuschungen, so nämlich meine Lesart aus vielen Antworten unserer Autoren der Saison, sind zugleich irgendwie ihre Höhepunkte. Das betrifft „Terror“ genauso wie die Münchner Kammerspiele.

Fluchtthema als Zeichen der Theaterkrise – und als Chance

Auch Bettina Schultes Begründung für das führende Provinztheater der Saison, nämlich das Theater Freiburg, ist nicht reines Lob, sondern umfasst auch eine Kritik, die allerdings eher fragend als anklagend formuliert ist: „Ob das Konzept, Performer zu einem thematischen Schwerpunkt einzuladen und den Tanzbegriff weit über die Bewegungskunst hinaus als performativen Akt zu definieren, als dauerhafte Lösung für ein Stadttheater taugt, das sich ein eigenes Ensemble nicht mehr leistet, wird sich zeigen müssen.“ Ähnlich fragend-kritisch-lobend schreibt Martin Bürkl über den „Operndolmus“ der Komischen Oper: „Ein künstlerisch nicht unbedingt besonders wertvolles, weil extrem vereinfachendes Unterfangen – dafür aber höchst ehrenwert und engagiert!“

Dieses zeitgleiche Auf und Ab der Saison, das deutlichste Anzeichen der Theaterkrise, kristallisiert sich in einem Themenbereich zur Frage nach der Enttäuschung der Saison: der „Flüchtlingskrise“ (die wir im Mai-Schwerpunkt „Flucht ins Theater“ auch schon einzusortieren versucht hatten). Der Umgang der Theater mit diesen gesellschaftlichen Veränderungen und den teils gewalttätigen Reaktionen darauf ist von den Autoren als Ärgernis zwar nicht ganz so häufig genannt wie die Rostocker Theaterdemontage. Auffällig sind jedoch die zahlreichen Kommentare zu einem Thema, das nicht primär kulturpolitische Defizite beschreibt; und die Formulierungen unserer Autoren hierzu scheinen mir zudem außergewöhnlich lesenswert – und ambivalent. Barbara Behrendt kritisiert etwa, dass „das Theater in der Flüchtlingsfrage zu sehr auf moralische Appelle mit vorhersehbarem Gesinnungsapplaus setzt, statt uns mit unseren eigenen Zweifeln und inneren Widersprüchen zu konfrontieren“. Adrienne Braun ärgert, wie „einige Theaterleute auf das Flüchtlingsthema reflexhaft anspringen, ohne sich je damit beschäftigt zu haben, wie man Fremden und Amateuren künstlerisch auf Augenhöhe begegnen kann“. Und Björn Hayer bemängelt „die omnipräsente Umdeklaration vieler Theater zur bloßen Integrationseinrichtung“.

Nun ist der Umgang der Theater mit dieser gesellschaftlichen und künstlerischen Herausforderung für unsere Autoren insgesamt aber eben „kein Ärgernis, nur eine Überlegung“, so Bettina Schulte, die fortfährt: „Auch wenn es die Aufgabe von Theater ist, auf gesellschaftliche Problemfelder zu reagieren, muss man doch fragen, ob dabei ästhetische Kriterien komplett über Bord geworfen werden dürfen – wie es in einigen Schnellschüssen zur sogenannten Flüchtlingskrise geschehen ist.“ Und bei Melanie Suchy wendet sich die Antwort auf das Ärgernis der Saison zu einem Theaterlob: „Warum wird hier nicht auch nach dem Lichtblick der Saison gefragt? Die Vehemenz, mit der sich so viele Theater (welches eigentlich nicht?) auf die Flüchtlinge gestürzt haben, gab zwar Anlass zu mancher Skepsis, aber Haltungen, wie sie etwa der Mainzer Intendant Markus Müller vertrat, der sinngemäß sagte: ‚Wir tun die Arbeit aus einer Selbstverständlichkeit heraus und wollen öffentlich gar nicht viel Bohei drum machen‘, verdienen Respekt.“

Ausgerechnet eine Begründung zur bereits erwähnten Münchner Produktion, die aus formalen Gründen gar keinen Eingang in die Saisonbilanz finden konnte, weil sie vom Ende der vorvergangenen Spielzeit stammt, scheint mir in der Bezeichnung des gegenwärtigen Dilemmas der Theater genau passend zu sein. Denn Georg Kasch schreibt: „Dieser Abend dauert sehr viel länger als die 90 Minuten auf der Bühne. ‚Balkan macht frei‘ quält beim Zuschauen wie Theater sonst selten, stellt zugleich Fragen, die nachwirken: Lassen sich Themen wie Folter mit ästhetischen Mitteln aufarbeiten? Haben wir das Recht zu moralischen Urteilen? Was brodelt unter unserer humanistischen Oberfläche? Warum sitzen wir im Theater, wenn draußen Menschen hungern, frieren, sterben? Der Abend macht wütend, hilflos – und demütig.“

Spiegel der Gesellschaft

Manfred Jahnke schließlich bringt die flaue Saison und die krisenhafte gesellschaftliche und künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema Flucht besonders schlüssig miteinander in Verbindung: „Liegt es an mir? Ich habe immer wieder spannende Inszenierungen gesehen, gelungene wie scheiternde, und trotzdem scheint es mir, dass es eine sehr langweilige Saison war, irgendwie kraftlos. Aber vielleicht hängt es auch […] damit zusammen, dass das Theater sich stärker der Wirklichkeit zuwendet und bei den entscheidenden gesellschaftlichen Fragen – von der Willkommenskultur bis hin zur Integration der dritten Generation – ebenso ratlos ist wie die Gesellschaft selbst. Ein Spiegel eben, wie wir nicht erst seit Shakespeare wissen.“ Schöner hat allenfalls der poetische Dialektiker Friedrich Hölderlin die Krise als Chance in Worte gefasst: „Nah ist/Und schwer zu fassen der Gott./Wo aber Gefahr ist, wächst/Das Rettende auch.“ Und ob nun alles gut wird, steht in den Sternen; jeder, der je Shakespeare, Sophokles oder Jelinek gelesen hat, darf daran zweifeln.

Womit die Analyse der Autorenbilanz über die Spielzeit 2015/16 auch schon eine Prognose für die kommende Spielzeit enthält: Angst dürfte ein Hauptthema bleiben. Bezeichnend ist da Elisabeth Maiers Nennung des wichtigsten Schauspielregisseurs der Spielzeit, Falk Richter mit seiner Inszenierung von „Fear“. Unsere Esslinger Autorin schreibt dazu: „Angst und Wut einer Gesellschaft, die angesichts der politischen Krise in Europa an Grenzen zerfällt, bringt der Dramatiker und Regisseur Falk Richter auf den Punkt. Mit seiner Inszenierung ‚Fear‘ an der Berliner Schaubühne hält er der Gesellschaft, die vor Pegida, AfD und anderen rechtsradikalen Gruppierungen kuscht, einen Spiegel vor. Das tut er mit einer plakativen, politisch wie auch ästhetisch passgenauen Sprache, die den Finger auf wunde Punkte in der Gesellschaft legt. Seine klare, direkte Sprache polarisiert und erschüttert. Dass ‚Fear‘ mehr als bloßes Zeitgeisttheater ist, zeigt die heftige Diskussion um das Stück, in dem die Köpfe der AfD ebenso hemmungslos bloßgestellt werden wie die Enddreißiger, die dem Zerfall ihrer Gesellschaft nicht mehr die Stirn bieten. Die umstrittene Produktion sollte sogar verboten werden. Richter steht für ein politisches Theater, das Debatten anstachelt und provoziert. Deshalb ist sein Theater in Zeiten von Ohnmacht und wachsender Gleichgültigkeit nicht nur der jungen Generation so unverzichtbar und relevant.“ Auch Juliane Sattler-Ifferts Begründung für die ihr wichtigste Schauspielinszenierung („Tyrannis“ am Staatstheater Kassel) lautet ähnlich: „Familien-Bilder, die von der Andersartigkeit und der Angst vor der Außenwelt erzählen und uns allen den Spiegel vorhalten.“

Überschreibung als Antwort?

Die Unsicherheit als Kern der Spielzeit ist also nicht nur eine (vorsichtig formulierte) Enttäuschung der Saison, sondern auch ihr künstlerischer Höhepunkt. Und doch gibt es vielleicht noch einen anderen Trend, der mit den anfangs genannten (vor allem an den Münchner Kammerspielen zu beobachtenden) Vermischungen zu tun hat – und sowohl als Flucht vor den harten Gegenwartsfragen gesehen werden könnte als auch als eine humanistische Reaktion darauf: Michael Laages schreibt: „Eingeladen auch zum Theatertreffen, markieren Clemens Sienknecht und Barbara Bürk vielleicht sogar den Beginn einer neuen, sehr speziellen Theatermethode: die der musikalischen ‚Überschreibung‘: Wie David Marton mit Opern umgeht, so nähern sich Sienknecht & Bürk Klassikern der Roman­literatur, zum Beispiel eben Theodor Fontane. Von dessen guter alter ‚Effi Briest‘ bleiben nur das Personal und die Struktur der Geschichte – alles andere ist eine musikalische Show, wie sie in einem Radiostudio entstehen könnte. Sogar Gert Westphal, ehedem berühmt für Rundfunklesungen, knarzt und knistert Fontane von der Schallplatte; und das hinreißend aufgelegte Ensemble kreiert im Übrigen alle Klänge selber – mit Trompete, Gitarre und Bassklarinette, lieblich-schrägem Gesang und unendlicher Phantasie in der Begegnung von altem Stoff und neueren Sounds: Rock, Blues, Country?… Clemens Sienknecht gehört (wie Ruedi Häusermann und Jürg Kienberger) zum musikalischen Zweig der Theaterfamilie um Christoph Mar­thaler; Barbara Bürk entwickelt aus der Phantasie des Musikers den heitersten Theaterspaß seit sehr langer Zeit: ein Stück Theaterglück.“ Dazu passt auch noch der musikalische Schauspielregisseur Thom Luz, der im Schauspiel auf zwei Nennungen kommt. Und damit zu den Nennungen in den einzelnen Kategorien unserer Umfrage.

Frage 1 – Gesamtleistung: Deutsches Schauspielhaus Hamburg, Schaubühne Berlin

In dieser Königskategorie erreichen die Sieger – wie auch bei den anderen sieben Fragen – fast ausnahmslos eine ziemlich knappe Mehrheit an Stimmen. In der Kategorie Gesamtleistung sind zwei Schauspielhäuser die Gewinner: Sowohl das Deutsche Schauspielhaus Hamburg wie die Schaubühne Berlin liegen mit jeweils vier Nennungen vorne entnehmen, die alle Antworten unserer Autoren in Kurzform enthalten). Das Deutsche Schauspielhaus erreicht mit drei zusätzlichen Nennungen im Bereich Schauspiel (zwei für „Effi Briest“, eine für „Unterwerfung“) und einer Stimme für eine Bühnengestaltung dabei insgesamt mehr Nennungen als die Schaubühne, die im Schauspiel (für Falk Richter) eine Extra-Erwähnung findet. Bei der Schaubühne überzeugt unsere Autoren der „gewaltige Bogen“ (Dieter Stoll) der Formate einschließlich der politischen Wachheit Falk Richters. Beim Deutschen Schauspielhaus beeindruckt unsere Autoren über einzelne Produktionen hinaus die Gesamtdramaturgie der Spielzeit. Jens Fischer lobt, dass hier der „Wir-schaffen-das-Tonfall der anderswo gefeierten Willkommenskulturshows hellsichtig hinterfragt“ werde – womit Karin Beiers Haus auch bei dem Themenbereich der Spielzeit positiv auffällt.

Mit drei Nennungen folgt auf Platz 3 die Berliner Volksbühne – wir hatten sie bereits als Verkörperung einer melancho­lischen Saisongesamtstimmung erwähnt – sowie die Mehrspartentheater in Nürnberg, Mannheim und Basel – im zuletzt eher kriselnden Theater Basel immerhin schon in der ersten Saison von Intendant Andreas Beck. Erwähnenswert ist auch noch das Badische Staatstheater Karlsruhe, das mit zwei Nennungen bei der Gesamtleistung, zweien bei Oper, einer bei Tanz und einer im Bereich Bühne auf insgesamt sechs positive Erwähnungen kommt. Auch im Bereich Ärgernis spielt dieses Theater eine Rolle: Als Opfer drohender radikaler Sparpläne des Stadtrats wird das Badische Staatstheater noch sechsmal genannt. Zwei Nennungen erhält auch das Staatstheater Mainz – im letzten Jahr noch ganz vorne bei den Provinztheatern, inwischen von unseren Autoren wohl in einer anderen Kategorie wahrgenommen.

Frage 2 – Abseits der Zentren: Freiburg, Gießen und andere

Gewinner ist mit drei Nennungen das Theater Freiburg. Ein nachdenkliches Lob für Barbara Mundels außergewöhnlich offenes Stadttheater war bereits weiter oben zu lesen. Weil es grundsätzlich in diese Kategorie der Umfrage passt, sei hier Georg Rudiger zitiert: „Im 150. Jahr seines Bestehens zeigt das Theater nach wie vor, dass gerade in der sogenannten Provinz häufig die spannendsten Dinge passieren. Hier werden Formate ausprobiert.“

Wagnisse Abseits der großen Zentren haben unseren Autoren auch an anderen Theatern gefallen. Mit zwei Nennungen folgen auf Freiburg das Neue Theater Halle, das Stadttheater Bremerhaven, das Theater Konstanz und die Bühnen Graz sowie die Theater Heidelberg, Trier und Gießen. Heidelberg versammelt dabei auch je eine Nennung bei Tanz und Bühne, Trier bei Schauspiel, Oper und Bühne und Gießen gar zwei bei Oper, eine bei Tanz und eine bei Bühne. Mit insgesamt sechs Nennungen hat das Theater Gießen im Ganzen sogar deutlich mehr positive Erwähnungen als das Theater Freiburg. Auch in Gießen scheint sich die Öffnung zur freien Szene auszuzahlen. Zum Musiktheaterprojekt „Kronos und Kairos“ schreibt Ekaterina Kel über das Regieduo Auftrag : Lorey: „Weil sie gezeigt haben, dass alte Musik ganz bezaubernd mit einer zeitgenössischen Ästhetik und der heutigen musikalischen Wahrnehmung einhergehen kann.“

Frage 3 – Off-Theater: Metropoltheater München

Viele Einzelnennungen gibt es – programmatisch passend und praktisch leicht erklärlich, da es in der Kategorie gerade nicht um die überregionalen Flaggschiffe geht – bei Frage drei nach dem besten Off-Theater. Aber auch eine deutliche Konstanz mit dem (zuletzt von uns porträtierten) Münchner Metropoltheater und seinen drei Nennungen. Damit ist ausgerechnet im Bereich „Off“ unseren Autoren die Pflege von Repertoire und Publikum ein besonderes Lob wert. Zitiert seien an dieser Stelle aber zwei Einzelvoten, die auch für die Spielzeit insgesamt interessant sind. Manfred Jahnke lobt das Stuttgarter Produktionszentrum für Figurentheater FITZ!: „Wenn die Figurentheaterszene in Deutschland eine immer gewichtigere Bedeutung bekommt, so hat das auch viel mit der Arbeit des FITZ! zu tun, die auch als Erste in der Szene theaterpädagogische Vermittlungsformen gesucht hat.“ Und Barbara Behrendts Plädoyer für den Heimathafen Neukölln liefert ein positives Beispiel für den roten Faden der Saison mit: „‚Neues Volkstheater für Berlin‘ ist hier keine Marketing-Seifenblase, sondern genau das, was der Heimathafen so sympathisch und offen verkörpert. Hier werden (publikumsnah, aber nie ranschmeißerisch) die Geschichten verhandelt, die die Nachbarn aus dem Kiez beschäftigen – ob Flüchtlingsschicksale, Gentrifizierung oder Jugendgewalt. Theater, Konzertsaal, Kneipe für alle – im Dramaturgen-Floskelsprech nennt man das neuerdings ein erfolgreiches ‚Wirken in die Stadtgesellschaft hinein‘…“

Frage 4 – Schauspiel: „Borderline“ und „Väter und Söhne“

Daniela Löffners Inszenierung von „Väter und Söhne“ nach Turgenjews Roman ist reduziertes und klassisches Schauspielertheater. Annette Poppenhäger schreibt: „Dreieinhalb Stunden packendes, spannendes, bewegendes Schauspielertheater. 13 Schauspieler sitzen im Karree um die Spielfläche. Und ich als Zuschauer bekomme nicht nur gezeigt, wie Spiel entsteht oder was Theaterspiel ist, ich gucke auch: Was macht der Spieler, wenn er nicht dran ist? Das ist vielleicht (bestimmt) nicht wirklich neu (Jürgen Gosch!), aber immer noch spannend. Auch, weil wir als Zuschauer ganz nah dran sitzen und die Spieler sich nicht verstecken. Womöglich ganz altmodisch, nie unmodern. Für mich war’s beglückend.“ Die Inszenierung erreicht drei Nennungen und ein Extra­lob im Bereich Bühne.

Ebenfalls drei Nennungen als Schauspiel-Highlight, zudem aber noch je eine Nennung fürs Haus bei Gesamtleistung und bei Provinz (bei einer Kritikerin aus Berlin) erreicht Dortmunds Schauspielintendant Kay Voges und seine Inszenierung von „Die Borderline Prozession“. Dieses performative Eigengewächs „ist ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie Voges sich nicht in den Schutzraum Theater zurückzieht vor dem ungemütlichen Draußen mit seiner erodierten Öffentlichkeit, sondern auf genau diese und unsere sich mit dem andauernden Aufploppen neuer Medienkanäle rasant verändernde und verschnellernde Wahrnehmung als ideenreicher Experimentator losrennt“, schreibt Sophie Diesselhorst. Die beiden für unsere Autoren überragenden Schauspielinszenierungen der Saison bezeichnen also zwei ziemlich gegensätzliche Wege des Umgangs mit Krise und Wandel.

Erwähnt hatten wir zum Abschluss der Umfragenanalyse das Lob und die Einordnung von Michael Laages auf die „Effi Briest“-Überschreibung von Barbara Bürk und Clemens Sienknecht an dem Deutschen Schauspielhaus. Mit zwei Nennungen zählt die Inszenierung zu den führenden Schauspielereignissen der Spielzeit. Ebenfalls zwei Nennungen erreichen die Regisseure Thom Luz (auch ein Überschreibungskünstler), der Isländer Thorleifur Örn Arnarsson und Nicolas Stemann (im letzten Jahr noch meistgenannter Schauspielregisseur). Übertroffen werden sie nur von Ersan Mondtags „Tyrannis“ am Staatstheater Kassel, mit zwei Nennungen bei Schauspiel plus zwei bei Bühne. Fast alle der Genannten stehen auch für ein vielgestaltiges, musikalisches Schauspiel, das kaum noch als Sprechtheater zu bezeichnen ist; Ausnahme ist die Gewinnerinszenierung „Väter und Söhne“.

Frage 5 – Oper: Barrie Kosky

Barrie Kosky als beliebtester Opernregisseur und -intendant ist keine Neuigkeit. Dennoch sind die fünf Nennungen plus eine bei Bühne sowie eine bei der Gesamtleistung auch diesmal wieder bemerkenswert. Joachim Lange lobt: „Barrie Kosky, der mit seiner ‚Jewgeni Onegin‘-Inszenierung an der Komischen Oper durch einen suggestiv sinnlichen Zugang eine neue Sichtweise auf ein bekanntes Werk ermöglichte und zugleich mit seinem psychologisierend düsteren ‚Macbeth‘ in Zürich die Vielfalt seines Könnens unter Beweis stellte.“ Nach der Komischen Oper und neben der Berliner Staatsoper kommt übrigens auch die Oper Zürich auf drei Nennungen.

Knapp gefolgt wird Kosky von Tilman Knabe. Dreimal plädieren die Opernkenner für seine Inszenierung von „Peter Grimes“ an der Oper Dortmund, einmal für seinen „Fidelio“ in Trier. Zwei ausdrückliche Nennungen erhält der Zürcher Opernintendant Andreas Homoki als Regisseur, „aufs Haus“ gehen allerdings noch eine weitere Nennung unter Oper sowie ein Lob im Bereich Bühne für seine „Wozzeck“-Inszenierung. Zwei Erwähnungen erhalten auch die Regisseure Tobias Kratzer, Andrea Moses und David Marton (siehe oben zu den Münchner Kammerspielen) – und, wie schon in der Kategorie Provinztheater beschrieben, „Kronos und Kairos“ vom Regieduo Auftrag : Lorey am Theater Gießen. Auch im Musiktheater gibt es also einige neue Handschriften.

Frage 6 – Tanz: Goyo Montero und Antje Pfundtner

Der Leiter einer Tanzcompagnie an einem Staatstheater und eine freie Choreographin ragen mit jeweils zwei Nennungen im Bereich Tanz heraus. Antje Pfundtner wagt mit ihrer Compagnie In Gesellschaft für Ruth Bender „eigenwillig kluges Tanztheater und spannende Körperbilder und gibt ein gutes Beispiel dafür, was sich mit einer kontinuierlichen Tanzförderung machen lässt“. Am Nürnberger Staatstheater hat derweil Goyo Montero für Dieter Stoll „seine erfolgreiche Arbeit mit neuem Elan fortgesetzt“. Vesna Mlakar holt zur Würdigung der Arbeit des Spaniers in Franken noch weiter aus: „Goyo Montero hat in seiner letzten Tanzuraufführung ‚Four Quartets‘ mit seiner Ballettcompagnie am Nürnberger Staatstheater zu Musik von Franz Schubert und Johannes Brahms gezeigt, wie man sogar ein Kammermusikensemble bewegend bewegt in eine Choreographie einbauen kann. Ein interessanter Ansatz, Grenzen aufzubrechen, und ein weiterer Schritt Richtung Gesamtkunstwerk, wo alle Elemente zu einer künstlerischen Einheit verschmelzen. Musiker, die live auf Podesten spielen und dabei während des Stücks von Tänzern in die Aktion eingebunden beziehungsweise über die Bühne verschoben werden, das hat man in dieser Form im Tanztheater noch nicht erlebt.“

Hier sei noch aus Marieluise Jeitschkos Statement ihrer Nennung zitiert: „Raimund Hoghe, der kleinwüchsig ist und einen Buckel hat, zeigt in seiner neuen Choreographie wieder einmal, dass ein Mensch mit ‚eingeschränkter‘ Bewegungsmöglichkeit das Wichtigste mit ganz wenigen Worten und Gesten sagen kann, zum Beispiel über gesellschaftliche Gepflogenheiten und Verlogenheit oder Kommentare über Schönheit und Tragik der Welt.“

Frage 7 – Bühne/Kostüm: Ersan Mondtag und Bert Neumann

Joachim Langes einzelnes Votum beschreibt die zunehmende Verbindung von Bühnen- und Videobild: „Bei der Uraufführung von Bernhard Langs neuer Oper ‚Golem‘ in Mannheim spielte der Beitrag des flämischen Videokünstlers Peter Missotten eine besondere, ja konstituierende Rolle für das Gelingen. Vom ‚Video-Libretto‘ bis zur faszinierenden Traumatmosphäre seiner Bühne.“
Zwei andere Bühnenbilder mit je zwei Nennungen sind jedoch die Gewinner der Kategorie: die Gesamtspielzeiteinheitsbühne des verstorbenen Bert Neumann für die Berliner Volksbühne und Ersan Mondtags Bühnenkonstruktion für seine Inszenierung von „Tyrannis“ am Staatstheater Kassel. Georg Kasch: „Mit seinen vielen gelegten Zitatspuren, seinem Wechsel aus vorbereitetem Video und blindem Spiel, seinem traumwandlerischen Surrealismus und seinem Loriot-haften Realismus spannt der Abend seine Arme weit, hebt die Begrifflichkeiten aus den Angeln. Und knirscht doch angenehm im durchdesignten Showgetriebe.“ Regie und Bühne sind da fast gar nicht mehr zu trennen.

Frage 8 – Ärgernis: Rostock und mehr

Gewinner der höchst zweifelhaften Kategorie Das Ärgernis der Saison ist wenig überraschend das Volkstheater Rostock beziehungsweise die Demontage dieses Theaters. Jens Fischer bringt es auf den Punkt: „Die Marginalisierung des Volkstheaters dank nicht enden wollender lokal-, kultur- und landespolitischer sowie interner Streitereien.“ Acht Nennungen sind schon ein beeindruckendes Ergebnis. Auf einen starken zweiten Platz schafft es mit sechs Erwähnungen das drohende Kürzungsszenario für das Badische Staatstheater Karlsruhe. Aber jenseits von personellen und monetären Einschnitten bietet die Kategorie in dieser Spielzeit ein ausgesprochen buntes Bild. Eine Art Kollegenschelte – oder Selbstkritik? – lässt sich in vier Voten feststellen. So schreibt Frieder Reininghaus: „Die vorherrschende Lobhudelei und der bis jenseits der Grenzen der Lächerlichkeit getriebene Superlativismus weiter Teile der Publizistik zu Musik und Musiktheater. Das Gros der Kritiker benimmt sich, als wollten die Schönredner und -schreiber in die Pressestellen der Theater, Festivals und Konzerthallen wechseln oder würden von dort bereits bezahlt.“

Viermal werden Pegida beziehungsweise AfD als Tiefschläge der Saison benannt. Tobias Prüwer schreibt: „Die zahlreichen AfD-Einmischungen in die Theaterarbeit sowie das Kuschen des Goethe-Theaters Bad Lauchstädt, das das Theater Halle zur ‚Neutralität‘ aufforderte.“ Und Marion Schwarzmann missfallen verständlicherweise „die Pegida-Aufmärsche vor der Semperoper in Dresden“.

Die insgesamt eher maue Saison fällt fünf Autoren negativ auf; darüber schrieben wir weiter oben ebenso wie über das Verhalten der Theater im Angesicht der Flüchtlingskrise. Wie bereits erwähnt, gehen das Ärgernis und die besonnene Überlegung ineinander über, beschreiben also eine Art Ratlosigkeit von Theatern wie Kritikern.