Ewald Palmetshofer am Theater Basel

Ewald Palmetshofer am Theater Basel

© Foto: Priska Ketterer
Leseprobe

Rewriting Drama

Wir trafen Ewald Palmetshofer in Basel zum Gespräch über das Verhältnis von Original und Nachschöpfung

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Ewald Palmetshofer hat Gerhart Hauptmanns Drama „Vor Sonnenaufgang“ zu einem neuen Stück umgearbeitet. Ein Gespräch über das Verhältnis von Original und Nachschöpfung

Herr Palmetshofer, Ihr Stück „Vor Sonnenaufgang“ nach Gerhart Hauptmann war ein Stückauftrag des Theaters Basel. Wie sind das Theater und Sie auf diesen Stoff gekommen?
Ewald Palmetshofer: Ich bin im Zuge der Recherche zu einer ganz anderen Sache auf Hauptmanns Stück gestoßen. Daraufhin habe ich den Text aus dem Regal gezogen und neuerlich gelesen – das hatte ich zuletzt vor vielen Jahren gemacht, und ich konnte mich gar nicht mehr genau erinnern. Beim Wiederlesen habe ich gemerkt, wie interessant und aktuell Hauptmanns Stück ist. Zugleich hatte ich aber den Eindruck, dass es stärker gealtert ist als andere Stücke – oder besser gesagt: dass es sehr in seiner Entstehungszeit verhaftet ist und die historische Distanz eine Annäherung erschwert. Mir schien, dass inszenatorische Mittel als Brückenschlag in die Gegenwart bei diesem Stück nicht reichen würden, weshalb ich mich entschlossen habe, „Vor Sonnenaufgang“ neu zu schreiben und den Stoff sehr frei in die Gegenwart zu übertragen.

Und was war es an Hauptmanns Drama, das Sie besonders fasziniert hat? Beziehungsweise: Was wollten Sie daran ändern?
Ewald Palmetshofer: Mein erster Anknüpfungspunkt war das moralische Scheitern der Figur Alfred Loth. Er kommt mit einer sehr geschlossenen, idealistischen Vorstellung in diese Familie hinein – und macht sich schließlich aus dem Staub. Den Menschen gegenüber versagt er. Das fand ich berührend und aufwühlend. Ich sah darin eine Verbindung zum Zustand der Linken heute. Da klingt Gegenwart an, wenn man einige Parameter ins Heute verschiebt. Dann eignet sich die Vorlage als Folie für eine aktuelle politische Diskussion. Mit dem erblichen Alkoholismus in der Familie und der für Hauptmanns Stück zentralen Determinationslehre habe ich mich jedoch schwergetan; dafür habe ich nach alternativen Entsprechungen in der Gegenwart gesucht. Ich wollte auch einige Setzungen bei den Figuren ändern, etwa was Martha betrifft, die bei Hauptmann nur in der Personenliste angeführt wird, aber nicht auftritt. Diese Martha wollte ich aber unbedingt als Figur sichtbar machen. Meine Version von „Vor Sonnenaufgang“ sollte auch ihre Geschichte werden.

Wie würden Sie Ihren Text bezeichnen: als Umschreibung, als Bearbeitung oder als ein neues Stück?
Ewald Palmetshofer: Ich würde von einer Neudichtung nach Gerhart Hauptmann sprechen. Der Kern der Geschichte ist zwar von Hauptmann übernommen, aber der Hintergrund der Figuren, ihre Sprache, die Figur der Martha und das Beziehungsgeflecht um sie herum sind ohne Vorlage.

War es Ihnen in der Vorbereitung wichtig, den Hauptmann-Text genau zu studieren und zu verstehen? Oder geht es nur um den ersten Anstoß, und dann dichten Sie Ihr eigenes Stück?
Ewald Palmetshofer: Ich musste mich sehr früh von der Vorlage entfernen, weil sie mir nicht als Grundlage für die Sprache meiner Figuren hilfreich schien. Nach mehrmaligem Durcharbeiten ist Hauptmanns Stück also wieder im Regal verschwunden. Ich wollte Hauptmanns Figuren in die Gegenwart übertragen und in einem zweiten Schritt aus ihnen heraus ihre Sprache entwickeln.

Sie schreiben ja regelmäßig Neufassungen. Vor der Hauptmann-Bearbeitung vor zwei Jahren „Edward II. Die Liebe bin ich“ nach Christopher Marlowe.
Ewald Palmetshofer: Das trifft genau genommen nur für meine letzten beiden Arbeiten zu. Bei „Edward II.“ war zudem meine Arbeitsweise eine andere; in dem Fall war mir die Sprache der englischen Vorlage ein Partner in der Übersetzung und Neudichtung. Es ging darum, Mar­lowes Sprache heute und auf Deutsch zum Klingen zu bringen. Wenn Sie aber auf „hamlet ist tot. keine schwerkraft“ anspielen, muss ich sagen, dass es darin bloß um ein Motiv ging, das Zaudern; ich habe nicht Shakespeares „Hamlet“ neu erzählt.

Sie haben den Titel von Hauptmann eins zu eins übernommen. Ist das nicht auch gefährlich, weil Ihr Stück dann umso mehr mit der Vorlage verglichen wird – und Differenzen zunächst nur als Verluste wahrgenommen werden?
Ewald Palmetshofer: Zu vergleichen ist völlig zulässig; dem muss ich mich stellen. Und Hauptmanns Titel halte ich schlicht für den bestmöglichen, weil er das Gegenteil dessen verspricht, was tatsächlich eintritt.

Es ist ja üblich, dass alte Stücke für Inszenierungen durch Dramaturgen und Regisseure bearbeitet werden. Das hätten Sie als Dramaturg ja auch tun können. Was ist der Unterschied zu einer Theaterfassung nach Hauptmann?
Ewald Palmetshofer: Es geht um ein geschlossenes neues Stück. Und in diesem Stück gibt es eine durchgehend geformte Sprache aus einer Hand. Der Hauptunterschied ist also, dass es eine schriftstellerische Arbeit ist und keine dramaturgische.

Es handelt sich also um ein eigenes autonomes Werk, das auch nachgespielt werden kann und soll. Warum bearbeiten Sie aber immer wieder klassische Dramen? Stellt sich nicht letztendlich die Frage, woher Sie als Dramatiker Ihren Stoff nehmen? Helfen alte Dramen vielleicht, eine verbindliche Grundlage mit dem Publikum herzustellen, sodass das neue Drama nicht allzu privatistisch wirkt? Andererseits ist ja gerade Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang“ ziemlich unbekannt. Und gäbe es nicht ganz andere Wege der Textentwicklung, etwa journalistisch aus Interviews Stücke zu entwickeln?
Ewald Palmetshofer: Meine beiden Überschreibungen „Edward II. Die Liebe bin ich“ und eben „Vor Sonnenaufgang“ haben bestimmt etwas mit meiner Arbeit als Dramaturg in Basel zu tun. Wir lesen Stücke, planen die Spielzeit, und ich stolpere dabei über Texte und muss neu auf sie schauen. Ohne meine Arbeit hier am Theater Basel wäre ich vielleicht nicht auf die Idee gekommen, „Vor Sonnenaufgang“ neu zu schreiben. Es ging dabei letztendlich auch darum, die Vorlage, das Original wieder sichtbar zu machen, obwohl mein Text davor oder dazwischen steht – im besten Fall als eine Art Vermittler.

Ist Ihr Umgang mit der Vorlage damit vergleichbar, wie die antiken Tragiker…
Ewald Palmetshofer: …mit ihren Mythen umgingen, ja. Im Theater ist das kein unüblicher Vorgang.

Sind vielleicht Stückbearbeitungen auch ein Weg, an etwas anzuschließen, was Allgemeingut ist?
Ewald Palmetshofer: Oder eher, einen Stoff, ein Stück wieder zu Allgemeingut werden zu lassen, also in Erinnerung zu rufen, dass „Vor Sonnenaufgang“ Teil des Kanons ist, auch wenn wir das Stück fast vergessen haben – Hauptmanns Stück wird kaum mehr gespielt. Und um auf Ihre Frage von vorhin, woher ich meine Stoffe nehme, zurückzukommen: Es gibt bei jedem Stück einen anderen Ausgangspunkt, an dem sich für mich etwas entzündet. Bei einigen Stücken gibt es allenfalls unter der Oberfläche eine motivische Referenz auf andere Theatertexte, wie beispielsweise in „die unverheiratete“; die Anreicherung mit Motiven der „Orestie“ entstand erst während der Arbeit an diesem zeithistorischen Stoff, der der Ausgangspunkt meiner Arbeit war. Beim Schreiben wurde mir aber klar, dass es etwa für den Hass gegen die eigene Mutter schon ein Bild oder einen Namen gibt – Elektra. Dieser Spur bin ich gefolgt. Bei „räuber.schuldengenital“ war es ähnlich; ich wollte etwas über den Begriff des Erbes erzählen und kam daher an diesen beiden Schiller-Brüdern nicht vorbei. Das blitzte aber eher auf, ohne dass es zu einer Schiller-Paraphrase werden sollte. Die Themen waren in diesen Stücken immer zuvor schon da.

Wäre es für Sie auch einmal denkbar, einen Film oder Roman zu bearbeiten und als Ausgangspunkt für ein neues Stück zu nehmen?
Ewald Palmetshofer: Das wäre dann eher eine dramaturgische Arbeit. Mein Zugang als Autor ist ein anderer. Filme und Romane sind ja noch rezipierbar, sie sind in der Form, in der sie entstanden sind, noch zugänglich, man kann sie noch immer anschauen oder lesen. Die Rezeptionsform von Dramen ist hingegen nicht das Lesen, sondern die Theateraufführung, das Gespieltwerden. Und dieses Aufführen und Spielen verändert sich mit der Zeit. In manchen Fällen kann die schriftstellerische Überformung helfen, ein Stück wieder spielbar zu machen.

Haben Sie ein weiteres Drama im Auge, das Ihr nächstes Stück inspirieren könnte?
Ewald Palmetshofer: Nein, ich habe ein anderes Thema im Auge, über das ich schon länger nachdenke, „Vor Sonnenaufgang“ ist mir sozusagen dazwischengekommen. Zu diesem anderen Thema werde ich bald zurückkehren.

Wie verträgt sich zeitlich Ihre Arbeit als Dramaturg mit der als Dramatiker?
Ewald Palmetshofer: Ich muss sehr genau planen und mir bewusst freie Zeiträume außerhalb des Theaters schaffen, in denen ich ausschließlich schreibe. Das kündige ich im Theater an, sage: Jetzt bin ich schreiben. Und dann geht das gut.

Ist Ihre Arbeit als Dramaturg ein Beruf oder eher vorübergehend?
Ewald Palmetshofer: Ich habe derzeit ganz einfach zwei Berufe. Wie lange das so bleibt, kann ich nicht sagen. Die Arbeit als Dramaturg macht mir Freude, und als Autor bin ich sehr gerne an ein Theater angebunden. Zeitlich ist das manchmal herausfordernd, aber der große Gewinn ist, als Dramaturg die Arbeit der Schauspielerinnen und Schauspieler im Probenprozess miterleben und mich damit auseinandersetzen zu können, was für mich als Autor wiederum sehr bereichernd ist.

Über den Autor

Detlev Baur ist Schauspiel-Redakteur der DEUTSCHEN BÜHNE